In Italien mangelt es nicht an reichen Leuten. Es gibt Familien, die seit Jahrhunderten über riesige Ländereien, prächtige Paläste, kostbare Altertümer und dicke Bankkonten verfügen. Da sind römische Fürsten, deren Vorfahren einst Papstwahlen finanzierten, Mailänder Modezaren, die Adelssitze verarmter lombardischer Granden kauften und nun dort im Samt- und Seidenschmuck der Neureichen prunken. Und es gibt Giovanni Agnelli, den führenden Kopf der reichsten Familie Italiens.

Geld, Macht und Adel, mit dem er verheiratet, verwandt und verschwägert ist, sind ihm eine Selbstverständlichkeit. An Autorität und Erfolg, an unternehmerischem und diplomatischem Geschick, an persönlichem Ansehen ist er allen überlegen. "Du Teufelchen von einem Schlaumeier, du wirst sie einmal alle in den Sack stecken", hatte Giovannis Großvater ausgerufen.

Der Großvater war, nach dem Unfalltod des Vaters Edoardo, des kleinen Giovanni Vorbild. Sein Erzieher und Lehrmeister fürs Leben. Er hieß auch Giovanni und war seinerseits Sohn des ersten Giovanni Agnelli. Der hatte 1899 die Fabbrica Italiana Torino - abgekürzt Fiat - gegründet. Giovanni II., also des jetzigen Giovannis Großvater, hinterließ nach seinem Tod dem 24jährigen "Teufelchen" als dem designierten, aber noch nicht zur Führung reifen Nachfolger samt der bis dahin zur Hundertschaft vermehrten Agnelli-Sippe ein Familienvermögen von umgerechnet einer Milliarde Dollar.

Am 12. März wird Giovanni Agnelli 75 Jahre alt. Als dritter Regent der Dynastie hat er in der vergangenen Woche das Amt des Fiat-Präsidenten an seinen langjährigen Weggefährten Cesare Romiti abgegeben. Damit verabschiedete sich der avvocato, wie ihn die Italiener nennen, freilich nicht von der Macht. Nach wie vor wird er als charismatischer Signor Fiat regieren, als Ehrenpräsident des Konzerns, als Familienchef und Präsident des beherrschenden Aktionärspools wie ein ungekrönter König über ein Wirtschaftsimperium gebieten, das immerhin ein Zwanzigstel des italienischen Sozialproduktes erwirtschaftet.

Wie kam Agnelli zu dem Einfluß und internationalen Ansehen, wie es nur wenige Wirtschaftsführer in diesem Jahrhundert erreicht haben? Zunächst sah es gar nicht danach aus. Denn Giovanni, der als Soldat und Leutnant erst an der Ostfront, dann bis 1943 in Nordafrika kämpfte - dort auch verwundet wurde und sich schließlich auf die Seite der Partisanen gegen Mussolini schlug -, genoß in den ersten Nachkriegsjahren das Leben in vollen Zügen. Er wurde, wie seinerzeit der deutsche Kugellager-Erbe Gunter Sachs, zu einem Mitglied der lebenslustigen und skandalversessenen High-Society, die sich zwischen Côte d'Azur und Copacabana herumtrieb.

Der Unterschied zwischen "Gianni" und vielen anderen, die im Minnedienst ergrauten: Der Agnelli-Sproß fand rechtzeitig genug den Einsatz für eine unternehmerische Aufgabe erstrebenswert. Einen Tag vor der Fiat-Hauptversammlung von 1966 nahm er, als 45jähriger Vizepräsident, dem nach Kriegsende zum Regenten eingesetzten Vittorio Valletta das Steuer aus der Hand. Valletta, der professore, war der letzte Autokrat und absolute Patriarch in der Konzernführung. Er krönte seinen Abschied mit dem Bau des Fiat-Werkes im sowjetischen Togliattigrad.

Erzkapitalist zu sein hinderte ihn nicht, über Italiens KPI eine goldene Brücke ins Reich des Marxismus-Leninismus zu bauen.