Ein Brief aus Dresden: Der Architekt Christian Helms schickte uns diese melancholische Betrachtung. Er ist dort Mitglied der Zwingerbauhütte, die sich um alle Bauwerke der Dresdner Kunstsammlungen zu kümmern hat.

In diesen Wochen jährte sich zum 51. Mal die Zerstörung Dresdens. Verglichen mit dem vergangenen Jahr, war der öffentliche Aufwand gering. Die Medien brachten es schnell hinter sich. Die Tageszeitungen opferten eine Seite; das Fernsehen berichtete - wie schon oft - vom Aufbau der Frauenkirche und vom Stand der Spendenaktion.

Ich fühlte mich dennoch betroffen wie schon lange nicht. Es begann mit der Übernahme von etwa 300 plastischen Zwinger-Fragmenten. Wir erhielten sie vom Landesamt für Denkmalpflege. Jahrzehntelang waren sie in den Kellern des alten Sächsischen Landtages der Brühlschen Terrasse eingelagert. Nach fünfzig Jahren kehrten sie heim in den Zwinger: abgebrochene Gliedmaßen, Arme, Beine, Hände, Füße, verstümmelte Köpfe, ornamentaler Schmuck, Reste von Blumengebinden, Fruchtgehängen.

Zur Vorbereitung ihrer Registrierung lagen sie ausgebreitet auf dem Marmorfußboden des Wall-Pavillons. Obwohl sie aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst und oft bis zur Unkenntlichkeit verletzt sind, konnte ich mich ihrer Wirkung nicht entziehen; sie berührten mich nachhaltiger, als wenn sie in die Überfülle plastischen Figurenschmucks eingebunden wären. Vielleicht war es das unmittelbare Zusammentreffen höchster barocker Lebenskultur und Schöpfungskraft mit der blinden Zerstörungswut des Krieges. Ich stieg immer wieder zwischen den Bruchstücken herum, um dieses oder jenes Teil in die Hand zu nehmen, es näher zu betrachten, es zu begreifen.

Am 13. Februar selbst verlor ich mich auf der Suche nach alten statischen Berechnungen in den Bauakten der ersten Wiederaufbaujahre: vergilbte, brüchige Papiere, viel Handschriftliches, Zeugnisse materieller Not, aber auch ideeller Größe. Anträge an die Behörden für fünf Kilogramm Nägel, ein paar Kubikmeter Bauholz, zwei Rollen Eisendraht. Ich erinnere mich an Photographien von Gemüsebeeten und Tomatenstöcken zwischen den Räumen der Zwingergalerie und Pavillons, angelegt zur Ernährung derer, die sich dort bemühten, das Chaos zu ordnen, Fragmente zusammenzutragen, um daraus Kopien für den Wiederaufbau zu fertigen.

Nach Jahren ging ich an diesem Abend wieder in die Stadt. Schon weit vor der Frauenkirchen-Baustelle blendeten Scheinwerfer, fernsehgerechtes Licht machte die Nacht zum Tage, Gedenken als Medienspektakel. Mir lag auf einmal viel daran, zur Kreuzkirche am Altmarkt hinüberzukommen. Sie hat immer noch die provisorische Innenausstattung der Nachkriegszeit, den rauhen, erdfarbenen, an eine Höhle erinnernden Verputz, die von Brandabplatzung entstellten Engelsköpfe unter der Orgelempore.

Vorn, in den ersten Reihen vor dem Altar, wurden Kirchenlieder gesungen. In den Reihen dahinter kamen und gingen still die Menschen.