Zu den eindrücklichsten Begebenheiten, die aus den Tagen des Horrors überliefert sind, gehört die Szene mit den wilden Ziegen. Als die Erde mit unbeschreiblichem Getöse ihr Innerstes nach außen kehrte und Feuer vom Himmel fiel, trieb unbändige Angst die verwirrten Tiere in den Wahnsinn. Sie rannten so lange mit dem Kopf gegen Felsen an, bis sie tot umfielen.

Es war der 1. September 1739, als über Lanzarote die Hölle hereinbrach. Und was ein Augenzeuge der Ereignisse, Don Andrés Lorenzo Curbelo, der Pfarrer von Yaiza, über das Ereignis in den Annalen festhielt, klingt noch heute unfaßlich. In der Nähe von Timanfaya war aus einer weiten Ebene urplötzlich ein Berg gewachsen. Bald darauf schossen Flammen aus seiner Spitze, und flutartige Ströme weißglühender Lava ergossen sich über das Land.

Ganze Dörfer wurden unter dem Magma begraben, andere verschwanden für immer in den Spalten der aufbrechenden Erde oder wurden von Aschenregen zugedeckt. Immer wieder öffneten sich neue, feuerspeiende Schlünde. Sechs Jahre lang währte das Inferno, danach waren große Teile fruchtbaren Ackerlandes für immer verloren, und viele Bauern wanderten nach Südamerika aus.

Zurück blieben die vegetationslosen Montanas del Fuego, die kahlen Feuerberge des Nationalparks Timanfaya, eine in vielen Erdfarben leuchtende Vulkanlandschaft aus Kratern und Schloten, über der schnell wechselnde Wolkenschatten immer neue Muster ausbreiten. Durch dieses grandiose Panorama führt eine sanft geschwungene, wie in die Landschaft modellierte Straße, auf der, seit der Individualverkehr verboten wurde, nur noch Ausflugsbusse verkehren dürfen.

Auch an vielen anderen Stellen haben - und zwar schon zu vorgeschichtlicher Zeit - die Eruptivkräfte der Erde Lanzarote zu einem beispiellosen Naturdenkmal geformt. Gewaltige Höhlen und Grotten sind damals entstanden, haushohe Lavatunnel, die stellenweise unter dem Druck der Gase barsten.

César Manrique war es, der den ästhetischen Reiz dieser urzeitlichen Gebilde erkannte und sie der staunenden Welt bekannt machte. Der in Arrecife geborene Künstler - er kam vor vier Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben - hatte die Insel in den siebziger Jahren zum Experimentierfeld für die von ihm propagierte "Symbiose zwischen der Schöpfung der Natur und der des Menschen" erkoren. Als Architekt schuf der Maler und Bildhauer von genialer Vielseitigkeit landschaftsbezogene Attraktionen, wie sie in dieser Vollkommenheit andernorts nur selten zu finden sind.

Manriques Engagement galt dem Landschaftsschutz und der Denkmalspflege, und mit nie erlahmendem Eifer brachte er seinen Landsleuten die kulturellen Werte ihrer kargen Heimat nahe. Daß der nimmermüde Akteur, der 72 Jahre alt wurde, zuletzt mit zunehmender Verbitterung gegen Spekulanten und Baulöwen zu Felde zog, wird jedem empfindsamen Reisenden verständlich, sobald er sich auf der Insel umsieht. Immer tiefer schieben die sogenannten Urbanisationen ihre Betonwucherungen von den Küsten aus ins Land hinein, ergießen sich wie ein weißer Brei in zuvor noch unberührte Ebenen.