Kibuye/Kigali Wie eine Burg beherrscht die Kirche von St. Jean von ihrem bewaldeten Hügel aus die friedliche Landschaft der Präfektur Kibuye am Ufer des Kiwu-Sees. Auf den Bergflanken grasen die schlankhörnigen Kühe der Tutsi; in den Tälern schwingen Hutu-Bauern ihre Spitzhacken, und ein milder Seewind läßt Kiefernäste und Bananenstaudenblätter rascheln. Aber der süßlich-schwere Geruch, den er heranträgt, ist nicht der Duft von Blüten. Und die schwitzenden weißen Männer, die hinter der Apsis ein klaffendes Loch in die Erde gegraben haben, sind keine Gärtner.

Vorsichtig steigt William Haglund über den Grubenrand, durch tanzende Fliegenschwärme hin zu einer von vielen kleinen roten Markie- rungsflaggen. "Dies war eine Dame - erkennbar an ihrem grünen Kleid. Eines ihrer Beine hat sich im Fall über dem Brustkorb eines Mannes verrenkt - da sind die verrotteten Reste seiner grauen Hose. Er starb mit weit geöffnetem Mund, die Arme über den Kopf erhoben - so." Der bärtige Gerichtsmediziner reißt seine Hände gen Himmel.

Der Amerikaner leitet ein sechzehnköpfiges Team von forensischen Experten, das im Auftrag des Kriegsverbrechertribunals für Ruanda die Toten des Völkermords von 1994 zum Reden bringen soll, damit die Täter zur Rechenschaft gezogen und den Lebenden Genugtuung verschafft werden kann. Der südafrikanische Chefankläger des UN-Tribunals, Richard Goldstone, ist sich mit den siegreichen Rebellen von der Ruandisch-Patriotischen Front (RPF) einig: Damit es zwischen Hutu und Tutsi zu einer Versöhnung kommen kann, muß es zuvor Gerechtigkeit geben.

Nirgendwo wüteten die Mörder schrecklicher als in Kibuye. Von der knappen Million Tutsi, die vor dem Genozid in Ruanda gezählt wurden, wohnte ein Viertel in dieser abgeschiedenen Gebirgslandschaft am äußersten Westrand von Ruanda. Ende Juni 1994 lebten nur noch 8000 von ihnen. Die Vernichtung wurde generalstabsmäßig organisiert. Gendarmen dirigierten die Fliehenden zu riesigen zentralen Sammelstellen. Dort wurden sie von Soldaten, Milizionären, Bürgern umzingelt und erschossen, erschlagen, verbrannt. Auf dem Gelände des mächtigen Steinbaus von St. Jean zählte der Gemeindepriester Mitte April 7000 Zufluchtsuchende. Nur ein paar konnten fliehen.

Aber was können die Toten den Lebenden berichten? Viel, wenn man über die Erfahrung von William Haglund und seinen Leuten verfügt. Sie gehören der privaten US-Organisation Physicians for Human Rights (Ärzte für Menschenrechte) an, die seit zehn Jahren die grausigen Relikte von Kriegsverbrechen untersucht: in Lateinamerika, in Kuwait, auf dem Balkan und nun auch in Afrika. Das Massengrab von St. Jean ist das erste von vielen, die sie in Ruanda untersuchen werden - und das größte, das sie je gesehen haben. "In Argentinien", erklärt Haglund, "haben wir Gruben mit drei-, vierhundert Leichen geöffnet. Hier sollen 4300 Menschen liegen." Schon jetzt ist klar: Die Hälfte der Toten sind Frauen und Kinder. "Hier hat kein Truppenscharmützel stattgefunden, sondern ein organisierter Mord an Wehrlosen." Der Arzt blinzelt in die Mittagsonne. "Wir haben bisher nicht eine einzige Waffe gefunden."

Mord? Haglund weist den Weg zurück in die Kirche. In dem von winzigen Lichtpunkten gesprenkelten Halbdunkel - das Wellblechdach wurde von Kugeln durchsiebt - werden die Umrisse von langen Refektoriumstischen erkennbar. Menschenknochen liegen dort, sortiert wie die Stücke eines Puzzles. An einem der Tische hält Haglund einen Unterschenkelknochen hoch. "Ein Mann um 35. Seine Achillessehnen wurden durchgeschnitten, damit er nicht weglaufen konnte. Danach" - er zeigt auf die Armknochen - "hat man ihm die Hände abgehackt. Gestorben aber ist er an etwas anderem." Haglund nimmt den Schädel auf und dreht ihn um: Der Hinterkopf ist mit einem präzisen Schlag abgetrennt worden.

Aber wie die Toten, wie die Täter benennen? Vor dem Kirchenportal, wo zwei höflich gelangweilte Blauhelme aus Ghana Wache sitzen, seufzt Haglund und riecht kurz an seinen Händen ("Der Leichenmoder", hatte ein Kollege in der Grube gesagt, "ist von der Haut kaum mehr wegzukriegen"). "Das ist ein Problem, wohl wahr. In Honduras haben wir nach bürgerlichen Liberalen gegraben, die sich Zahnärzte mit akkurater Buchführung leisten konnten. Dies hier waren bettelarme Bauern. Wir hoffen, daß einige der Angehörigen Tote mit Hilfe von Kleiderresten identifizieren können."