Rita Süssmuth ist ergriffen. "Norbert", ruft sie, und die Stimme zittert, "hör doch. Die Königin der Nacht, Zauberflöte. Das ist Sangeskunst." Und verzaubert neigt sie ihren Kopf zur Musik, die vom Tonband leiert. Blüm, neben ihr, schüttelt sich. "Also, ich hädd' die nich' begnadicht. So ein Geplärre . . ." Rita zuckt zusammen: "Es reicht, Norbert, du bist sehr, sehr ungezogen." Beleidigt wendet sie sich ab: "Das ist typisch. Wasserzeichen haben kein Gespür für Kunst. Du bist Krebs . . ." - "Ich bin Bundesarbeitsminister . . ." - "Ja, aber im Zeichen des Krebses geboren . . ." - "Mensch, Rida-Mädchen, bis' du widder auf 'm Esoteriktrip?"

Ortstermin Stuttgart. Im Bürgerhaus Botnang sitzen fünfhundert Leute und kringeln sich. Auf der Bühne monologisieren, streiten, diskutieren die Damen und Herren Blüm und Süssmuth, Herzog und Rühe, Hintze und Stoltenberg. Dazu Engholm und Vogel von der SPD - Lambsdorff vertritt die FDP, die Grünen haben Cohn-Bendit geschickt. Aber auch Prominenz abseits der Politik ist dabei: Boris Becker, Erich Böhme, Klaus Kinski. Ein bunter Haufen gibt sich die Ehre und viel Blöße. Scheinbar - denn es ist nur einer, der alle diese Rollen spielt: Reiner Kröhnert, Politparodist.

Gerade läßt er Kohl aus "Europa, als wär's ein Stück von mir" rezitieren. Ein Stück, das er sich selbst "auf den eindrucksvollen Leib geschrieben" habe: "O Zeus, o Zeus, o Goddogott, dein will ich sein, ja Zabberlot." Nun will er selbstredend auch inszenieren: "Da werd' ich 'ne Regie hinlegen, wo sich der Zadek, Peymann, un' wie die Bühnenhanseln alle heisen, 'ne Scheibe abschneid'n könn', wenn se das woll'n un' dazu imstande sin' und überhaup' dazu in der Lake . . ."

So geht es zu auf der Bonner Wanderbühne des Reiner Kröhnert. Zwei Stunden dauert "Die Affäre Huhn": ein groteskes, intelligentes und durchaus böses Kriminalspiel um Berta, die "Blaukammhenne" aus der Hühnerzucht des Verteidigungsministers. Berta wurde vergiftet; Kommissar Vogel, dem Boris Becker assistiert, wird am Ende Rühe als Täter entlarven. Der gesteht, er habe den Verdacht auf Schäuble lenken wollen, um den Konkurrenten auf dem Weg ins Kanzleramt zu stoppen. Kröhnert nippt, als er zur Zugabe auf die Bühne zurückkehrt, am Rotwein ("Der erinnert mich an einen 87er Beau Rivage") und ist, die Satzenden fistelnd in die Höhe ziehend, ganz Stoltenberg, der seinen Lieblingsvers aufsagt: "Wer schuld ist an der nächsten Panne, läßt schon mal Wasser in die Wanne."

Szenenwechsel. Sonntag, 16 Uhr, in einem am Hang gelegenen Einfamilienhaus in Esslingen. Reiner Kröhnert gibt das Interview am Kaffeetisch. Mit dabei: Ehefrau Christine, die Kinder Dana, zwölf Jahre, Daniel, acht Jahre, und Jonas, neun Monate. Der 37jährige Vater gibt sich jetzt ganz anders als auf der Bühne. Erstaunlich ruhig und freundlich - ein Mann, von dem man meinen möchte, daß er am nächsten Tag wieder ins Büro geht. Wären da nicht die Augen, aus denen es blitzt, wäre da nicht die Lust am Fabulieren - und am Spiel. Alle paar Minuten verwandelt sich nun auch der Privatmensch Kröhnert. Blüm? Sofort ist die Brust-raus-Haltung des kleinen Hessen da. Mimik, Gestik, Tonlage. Dann wieder erscheint Herzog in seiner jovial-bayerischen Art: "Da hob' ich neulich beim Besuch der türkischen Ministerpräsidentin çiller einen Kurdenwitz erzählt. Des ganze Bankett hot g'lacht."

Seine zuweilen fast gespenstisch wirkende Begabung hat der aus Schriesheim an der Bergstraße stammende Kröhnert früh bemerkt. "Das war in der neunten Klasse. Ich hab' meistens vor mich hin geträumt; dabei habe ich weniger auf die Inhalte geachtet, viel mehr auf die Sprache, die Intonation der Lehrer. In der Pause hab' ich sie dann nachgemacht - und gemerkt, daß ich das gut kann." Mit siebzehn Jahren stand er folgerichtig auf der Aulabühne und parodierte Lehrer.

1977 ging's an die Schauspielschule Stuttgart - die er indes ein Jahr später wieder verließ: "Es war die Zeit der Realismusgläubigkeit. Da mußten wir uns auf die Bühne stellen und Zähne putzen, ganz real. Für mich war das nichts." Also Abgang und Hinwendung zur, wie es in Stuttgart abfällig hieß, "kleinen Kunst". Zum Glück reichte das Selbstbewußtsein für den Alleingang: "Ich glaube, meine Erziehung hat mich geprägt. ,Ich kann, ich will, ich werd', ich muß` - mit dem Satz hat mein Vater mir das frühkindliche Stottern abgewöhnt. Da ist was hängengeblieben."