Das soll Deutschland sein? Leere Cola-Dosen, zusammengeknülltes Papier liegen auf den Bürgersteigen. Vor der Döner-Bude lungern zehn, fünfzehn junge Leute. Ein Mann in beiger Lederweste schiebt einer jungen Türkin ein weißes Päckchen zu. Brennpunkt Sielwallkreuzung. Anna und Chantal fahren mit der Polizei auf Streife, ziehen mit dem Sonderkommando durch die Drogenszene, sprechen mit Junkies und Polizisten über Kontaktarbeit und Methadon-Programme. "Ich war geschockt", sagt Anna aus Rumänien, "bei uns gibt es zwar Straßenkinder und Bettler. Aber alles andere ist längst nicht so sichtbar." - "Mich überkam plötzlich ein Gefühl der Angst", sagt Chantal aus Frankreich, "wo war meine kleine, heile Welt? Und wie ist das eigentlich bei uns?"

Deutschland im Blick der anderen. Das eigene durch das Fremde erkennen. Anna und Chantal sind zwei von fünfundzwanzig Deutschlehrerinnen, die an einem Fortbildungsseminar des Goethe-Instituts zur "Erlebten Landeskunde" teilnehmen. Drei Wochen Deutschland zwischen Bremen und Schwerin. Die Teilnehmerinnen leben in deutschen Familien. Finanziert wird die Fortbildung über Stipendien des Auswärtigen Amtes. Die Fortbildung von Deutschlehrern im Ausland gehört seit Mitte der siebziger Jahre zu den wichtigsten Aufgaben des Goethe-Instituts. "Deutschlehrer sind Mittler zwischen den Kulturen", sagt Peter Müller, Leiter der Abteilung Fortbildung in der Münchner Zentrale des Goethe-Instituts. Weltweit lernen etwa zwanzig Millionen Menschen Deutsch, jährlich kommen schätzungsweise 200 000 dazu. An den sechzig Fortbildungsseminare des Goethe-Instituts nahmen 1.200 ausländische Deutschlehrer teil, meistens aus West- und Osteuropa. Im Seminar "Erlebte Landeskunde" geht es um Kultur im Alltag, im Denken und Handeln der Menschen. Wie verbringen Deutsche ihren Tag, wie sieht das Berufsleben aus, was tun sie in ihrer Freizeit? Was für eine Kultur verbirgt sich hinter der Sprache und ihren Begriffen?

Im Bremer Seminarraum des Goethe-Instituts wird heftig diskutiert. "Ein Platz ist ein Ort, an dem man vorbeigeht", sagt Larissa aus Rußland. "Auf einem Platz tobt das öffentliche Leben", vermutet Miria aus Italien. "Cafés gibt es auf Plätzen nicht", sagt Nejla aus Tunesien. Platz ist nicht gleich Platz. In Tunesien ist er etwas ganz anderes als in Rußland oder in Italien. Und all das unterscheidet sich von Deutschland. Ein Begriff, verschiedene Kulturdeutungen, verschiedene Erwartungen: Im Austausch wird klar, wie die Wahrnehmung des Fremden geprägt ist von dem eigenen Erfahrungshorizont. "Sprache und Landeskunde sind eng miteinander verwoben", sagt Seminarleiter Markus Biechele. Nur wenn man sich über die verschiedenen Bedeutungsinhalte von Begriffen austauscht, ist Verständigung möglich. "Wir wollen für den Zusammenhang von Sprache und Landeskunde sensibilisieren. Daraus sollen sich Methoden für den Fremdsprachenunterricht entwickeln, die die Teilnehmerinnen selbst erproben."

In den Seminaren können die Teilnehmerinnen ihre eigene kulturelle Prägung erkennen und vergleichen. Alle Teilnehmerinnen sind schon einige Jahre Lehrerinnen, oft mehr als zehn Jahre. Die meisten waren schon mal in Deutschland, viele sogar mehrfach.

Wieso eigentlich fahren die Deutschen so viel Fahrrad? Stadterkundung in Bremen. Eva aus Tschechien und Silvie aus Frankreich ziehen durch die Innenstadt. Sie befragen Radfahrer, gehen in Fahrradgeschäfte. Sie erkunden Parkmöglichkeiten für Räder. Und wundern sich über die roten Radwege, auf denen Fußgänger nicht gehen dürfen. Die Projektarbeit steht im Mittelpunkt des Seminars, eine Methode, die seit Ende der siebziger Jahre einen festen Platz in der modernen Fremdsprachendidaktik hat. Die Teilnehmer sollen an den Seminarorten selbst das Land erforschen, erleben, beobachten.

Mitmachtag. Ein Tag im Leben eines Deutschen, wo, ist relativ egal, Hauptsache mittendrin. In die Berufsrolle eines anderen schlüpfen, ein Tag in einem Reisebüro, im Schnellimbiß, bei der Polizei, beim Bund für Umwelt- und Naturschutz, bei Essen auf Rädern. Die 28jährige Nejla war überrascht, daß eine arbeitslose deutsche Lehrerin, mit der sie einen Tag verbracht hat, nebenher putzen geht, um sich Geld zu verdienen. "Bei uns würde eine Lehrerin so etwas nie tun, das ist nicht angesehen. Bei uns bekommen die Leute Geld von ihrer Familie. Das Leben hier ist nicht immer so leicht. Deutschland ist nicht nur ein Land des Reichtums, wie viele von uns glauben. Aber schön ist, daß man hier selbst entscheiden kann, wenn man mit jemandem leben möchte." Luz aus Spanien war überrascht, daß junge Männer statt zur Bundeswehr zum Zivildienst gehen können und dann im Umweltschutz arbeiten. "Toll. Ob sich einmal alle Männer weigern werden, mit Waffen umzugehen?"

Hospitanz an der Berthold-Brecht-Gesamtschule in Schwerin. Seit einigen Jahren erprobt die Schule neue Konzepte im Unterricht. Die meisten Teilnehmerinnen sind enttäuscht. Sie hätten mehr Innovatives erwartet. "Das kann ich auch", meint Irina aus Weißrußland. "Genau das ist eine wichtige Erfahrung, die Selbstbewußtsein gibt", sagt Markus Biechele, "es ging hier nicht um Traumunterricht, der von Deutschland zumindest von den Teilnehmerinnen aus Osteuropa oft erwartet wird. Sondern wir wollen zur Auseinandersetzung mit dem Normalunterricht anregen."