Duisburg/Düsseldorf Was ein Modell für Bonn werden sollte, gerät immer mehr zum abschreckenden Beispiel. Rot-Grün in Nordrhein-Westfalen - das ist inzwischen eine Warnung, beim politischen Farbenmix vorsichtig zu sein. Der dramatische Streit um den Ausbau des Regionalflughafens Dortmund zeigt, wie tief gespalten die Landesregierung ist. Vordergründig geht es um Peanuts, um 20 Millionen Mark aus einem Haushalt von 87 Milliarden. In Wirklichkeit wütet eine Prinzipienschlacht darum, was Vorrang haben soll: Ökonomie oder Ökologie? Diese Frage wird die Koalition begleiten, solange sie existiert. Wie lange das sein wird, entscheidet fürs erste eine grüne Landesdelegiertenkonferenz.

Bis dahin, bis Ende kommender Woche, bleibt der Mann, der das wichtigste Ministerium in Düsseldorf führt, im Zentrum des koalitionsinternen Taifuns. Wolfgang Clement ist zuständig für Wirtschaft und Mittelstand, Technologie und Verkehr. Damit entscheidet der Superminister nicht nur über die Leistungsbilanz der Koalition; er mußte schon bislang dafür sorgen, daß sein Aufgabenbereich nicht permanent zur Reibungsfläche für dieKoalitionäre wurde. Schließlich stehen auf der Tagesordnung seines Hauses fast alle Themen, die zwischen den Regierungspartnern umstritten sind.

Ob er den aktuellen Streit gewollt hat oder nicht, vermeiden konnte Clement ihn kaum. Seine Aufgabe setzt ihn unter Zugzwang. Er muß sich in der Verteidigung traditioneller Industrien wie in der Offensive für neue Wirtschaftszweige beweisen. Und die Zeit drängt. Der Standort Nordrhein-Westfalen steht auf schwachem Fundament.

Das Land hat allein in den vergangenen vier Jahren 360 000 Arbeitsplätze verloren; die Arbeitslosigkeit liegt über dem deutschen Durchschnitt, das Wachstum darunter. Der Wandlungsprozeß von der Industrieregion zum Dienstleistungs- und Technologieland ist noch längst nicht abgeschlossen. Um ihn voranzutreiben, muß Clement im brutalen internationalen Wettlauf um Investoren erstklassige Rahmenbedingungen bieten. Zu ihnen zählen nicht zuletzt die Kalkulierbarkeit der Politik und ein wirtschaftsfreundliches Klima, denn Unternehmer geben sich wie scheue Rehe.

Die wirtschaftspolitische Verläßlichkeit der Landesregierung ist wegen der rotgrünen Auseinandersetzungen in Zweifel geraten. Vielleicht eskalierte der Zwist, weil sich der Superminister auf ökonomischer Werbetour durch Südafrika befand und nicht rechtzeitig eingreifen konnte. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß sich schlicht inhärente Bruchstellen der Koalition auftaten. Denn wie hätte ein anwesender Clement die Dortmunder Grünen daran hindern können, ihre Landesführung wegen des Flughafenausbaus in einen Konflikt mit den Sozialdemokraten zu treiben? Die Grünen brachten schließlich eine ganze Serie von Anwürfen gegen den Wirtschaftsminister vor: wegen der Nachtflüge in Köln-Wahn, wegen der geplanten ICE-Anbindung an den Flughafen und wegen der Verlängerung einer Autobahn nach Bochum.

Nun wundern sich die Grünen über Clements Hartnäckigkeit. Sie hatten ihn doch erst vor weniger als einem Jahr als Architekten von Rot-Grün kennengelernt, als ebenso kompetenten wie ungeduldigen Antreiber bewundert. Hatte er nicht auch grünen Sonderwünschen stattgegeben und "Staatsknete" für ein "Schwulen-Lesben-Referat" oder die Betreuung der Opfer von Frauenhandel akzeptiert? Möglicherweise hat Clement schon damals den populären Stoßseufzer der Sozialdemokraten vor sich hin gemurmelt: "Lieber ein Haus im Grünen als Grüne im Haus." Aber er hielt durch.

Inzwischen machen dem Minister nicht bloß die inhaltlichen Vorstellungen des Partners zu schaffen. Dessen Entscheidungsprozeduren beunruhigen ihn mindestens ebensosehr. Wer hat das Sagen bei den Grünen - die Minister oder die Parteiführung, die Basis oder die Bürgerinitiativen?