Nein, Klaus Kinkel hat nicht das Potsdamer Abkommen angezweifelt, wie aufgebrachte Tschechen meinen. Er konnte es schon deswegen nicht tun, weil es ein solches "Abkommen" nie gegeben hat, mögen auch Politiker und Journalisten dieses Gespenst, von dem man seit dem Untergang des Ostblocks nichts mehr gehört hatte, wieder aus dem Grab holen.

Anfang August 1945 konnten die Deutschen in den vier Besatzungszonen eine "Mitteilung über die Dreimächtekonferenz in Berlin" lesen, die aus vierzehn Abschnitten bestand. Im Cecilienhof in Potsdam, dem ehemaligen Schloß des deutschen Kronprinzen, hatten sich Mitte Juli die Staatsmänner der drei Siegermächte getroffen (Truman, Stalin und Churchill, der in der Endphase, nach seiner Wahlniederlage in England, von Attlee abgelöst wurde), um über die Nachkriegsordnung in Europa, den Krieg in Ostasien und andere Weltprobleme zu beraten. Als offizielles Dokument der Gipfelkonferenz gilt ein Verhandlungsprotokoll, das noch um sieben Abschnitte länger ausfällt als das Abschlußkommuniqué.

Das Ganze ist ein Sammelsurium von unverbindlichen Absichtserklärungen und zweideutigen Empfehlungen, von Meinungen, Übereinkünften und ein paar gemeinsamen Beschlüssen (so wird ein Rat der Außenminister beauftragt, Friedensverträge mit Deutschlands ehemaligen Verbündeten vorzubereiten). Keineswegs handelt es sich um einen formvollendeten Vertrag, der feierlich unterschrieben und dann ratifiziert wird, auch nicht um ein "Verwaltungsabkommen", das zwar die Staatsmänner allein abschließen, das aber ebenso verbindlich ist wie ein regulärer Vertrag.

Sogar die Unterschriften fehlen unter dem Potsdamer Konferenzbericht vom 2. August 1945. In der letzten Plenarsitzung am späten Abend des 1. August ging es ziemlich chaotisch zu. Jeder hatte noch Ergänzungen fürs Kommuniqué, das bereits am nächsten Abend über den Äther gehen sollte. Darum übergaben die "Großen Drei" mehrere Haufen ungeordneter Papiere einem Unterausschuß, der alles harmonisieren sollte. Auf Blankobögen, die später mit Büroklammern an die beiden Dokumente (Protokoll und Presseerklärung) geheftet wurden, setzten die mächtigsten Männer der Welt formlos ihre Namenszüge, in der Reihenfolge Stalin, Truman, Attlee. Nach der Abreise der Staatsmänner benötigte der Unterausschuß zwei Sitzungen, ehe gegliederte, korrigierte Texte vorlagen - und selbst dann gab es noch Abweichungen. "Etwas Besseres war unter den Umständen nicht möglich", bedauerte einer der britischen Diplomaten.

Schon nach ein paar Monaten zerstritt sich der Alliierte Kontrollrat über die Auslegung des Protokolls. Wie wenig verbindlich selbst Beschlüsse wie jener über die von Polen verwalteten deutschen Ostgebiete waren, zeigte sich 1947, als die Amerikaner vorschlugen, die Oder-Neiße-Linie um einige hundert Kilometer ostwärts zu verlegen, damit ein Teil der ostdeutschen Vertriebenen in die Heimat zurückkehren könnte.

Amerikanische oder englische Politiker haben denn auch nie von einem Potsdamer Vertrag oder Abkommen gesprochen. Anders die Russen: Für sie und ihre Marionetten in der DDR existierte ein völkerrechtlich verbindliches "Potsdamer Abkommen", auf dem die neue europäische Ordnung aufbauen sollte. 25 Jahre lang gebrauchte es die Sowjetunion als Waffe im Kalten Krieg. Die DDR betrachtete die Potsdamer Erklärung eine Zeitlang als Ersatzfriedensvertrag.

In Bonn hat man sich diesen Schuh nie angezogen. Am 9. August 1968 erklärte die Regierung der Großen Koalition in einer Note an die Sowjetunion, es sei "nicht ihre Sache, sich über Gültigkeit, Auslegung und Geltungsbereich von Vereinbarungen zu äußern, an denen sie nicht beteiligt ist". Außenminister Kinkel hat lediglich diese Ansicht wiederholt: Eine Abmachung unter Dritten ist für Deutschland völkerrechtlich unverbindlich. Dennoch muß niemand fürchten, die Bundesrepublik wolle die europäische Nachkriegsordnung destabilisieren. Im Gegenteil: Von 1949 bis 1992 hat sie in vielen internationalen Verträgen diese Friedensordnung mit aufgebaut und garantiert, zum Beispiel auch die Tschechische Republik in den Grenzen von 1937 respektiert.