Auf den ersten Blick scheint Schwedens Finanzminister Göran Persson allen Grund zur Zufriedenheit zu haben. Mitte März wird er die Nachfolge Ingvar Carlssons als Premierminister antreten, und sechzig Prozent aller Schweden glauben, er sei eine gute Wahl. Es ist nicht zuletzt Perssons Arbeit als Finanzminister zu danken, daß die schwere Krise der Staatsfinanzen im wesentlichen überwunden ist. Der hohe Schuldenberg des Landes wuchs zwar auch 1995 noch, aber nicht mehr schneller als die Wirtschaft insgesamt. Schon in diesem Jahr werden die Schulden relativ zum Bruttosozialprodukt abnehmen, und spätestens 1998 will Persson einen ausgeglichenen Haushalt präsentieren. Im vergangenen Herbst lobten die Finanzminister der Europäischen Union das schwedische Sanierungsprogramm in derart lyrischen Tönen, daß Persson nach dem Treffen geradezu gerührt vor die Presse trat: "Ich bin so etwas gar nicht gewohnt." Die Finanzmärkte reagierten mit sinkenden Zinsen und einem steigenden Kronenkurs.

Das schwedische Bruttosozialprodukt wuchs im vergangenen Jahr um stolze vier Prozent. 1996 wird es wohl weniger werden, aber dennoch deuten viele wichtige Anzeichen auf eine weitere ökonomische Wetterbesserung. Die Reichsbank senkte am 9. Januar die Leitzinsen, weitere Senkungen werden wohl folgen.

Dennoch herrscht im Lande weitverbreiteter Mißmut. 56 Prozent der Schweden erklärten, sie seien von der im Oktober 1994 angetretenen sozialdemokratischen Regierung enttäuscht. Persson kam zwar als Person bei den Schweden gut an, seine Politik aber nicht. Er setzte kräftig den Rotstift an: Im vergangenen Jahr verabschiedete der Reichstag Sparpakete und Abgabenerhöhungen von umgerechnet 26 Milliarden Mark, eine Summe, die sieben Prozent des Bruttosozialproduktes entspricht; gestaffelt über vier Jahre. Gerade zum jüngsten Jahreswechsel mußten die Schweden erneut Einschnitte beim Arbeitslosengeld und bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall verdauen.

Außerdem sind gegenwärtig noch rund acht Prozent der Schweden arbeitslos, und weitere vier Prozent absolvieren Umschulungskurse. 1995 wurden zwar per saldo immerhin 75 000 neue Arbeitsplätze geschaffen, aber das reicht längst nicht aus.

Außerdem haben die meisten Schweden nicht den Eindruck, daß die Lasten gleichmäßig verteilt werden. In den vergangenen Jahren kamen zahlreiche Fälle "Goldener Fallschirme" ans Licht; Bankdirektoren oder Finanzyuppies, aber auch Direktoren der staatlichen Apothekenaufsicht genehmigten sich Abfindungen oder Pensionen in Millionenhöhe. Und die Steuerreform des Jahres 1991 begünstigte de facto die Besserverdienenden. Außerdem war sie mit rund fünfzehn Milliarden Kronen unterfinanziert - ein Betrag, den Persson dann mit Kürzungen beim Krankengeld oder beim Kindergeld wieder hereinholte.

Die schwedischen Gewerkschafter gerieten in Rage, als die Regierung das Arbeitslosengeld auf 75 Prozent des letzten Verdienstes kürzte, gleichzeitig aber Geld hatte, um die Mehrwertsteuer für Lebensmittel von 21 auf 12 Prozent abzusenken - eine Konzession an die agrarisch geprägte Centerpartei, die mit der Regierung in vielen Fragen zusammenarbeitet.

Die weitverbreitete Mißstimmung kommt allerdings nicht der bürgerlichen Opposition zugute. Der verheerende Eindruck, welchen die in sich gespaltene und handlungsschwache bürgerliche Regierung 1991 bis 1994 hinterließ, wirkt noch nach. Und was wohl noch wichtiger ist: Die ideologische Windrichtung hat sich gedreht. Noch Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre beherrschte die liberale und monetaristische Kritik an den Schwächen des Wohlfahrtsstaates die Debatte, bis weit in die Reihen der Sozialdemokratie hinein. Schmerzhafte, aber angeblich langfristig heilsame Eingriffe in den Wohlfahrtsstaat wurden als unumgänglich erklärt. Aber die versprochenen Wirkungen blieben oft aus; beispielsweise war von den erhofften "dynamischen Effekten" der Steuerreform wenig zu merken. Derartige Erfahrungen raubten der liberalen Kritik viel von ihrer Durchschlagskraft.