Bekannt geworden ist Katja Lange-Müller mit ihrem überdrehten Sprachwitz, der aggressiv und respektlos alles erfaßte, was bedeutungsschwer, gefühlsschwanger oder ideologiegetragen daherkam - immer etwas zu eigenwillig, bizarr und wortverliebt für Kabarettprosa; immer etwas zu kalauernd, gossenmäßig und dreist für die gehobene literarische Groteske. "Subversiv" und "anarchistisch" hat man die Schreibweise der 1984 in den Westen übersiedelten Ostberliner Funktionärstochter genannt und ihren sarkastischen Witz als ein wildes Sichwehren gegen die sozialistischen Zumutungen und die kapitalistischen Verführungen gleichermaßen verstanden.

Sieben Jahre nach ihrer letzten schmalen Erzählung "Kasper Mauser - Die Feigheit vorm Freund" liegt jetzt ein neuer, ebenso schmaler Band vor: "Verfrühte Tierliebe". Schon nach wenigen Seiten bekommt man eine Ahnung davon, wie Katja Lange-Müller in der Zwischenzeit gearbeitet hat: Statt ihren sehr speziellen Humor einfach auszubreiten über immer neue Sujets und Figuren, hat sie ihn im Gegenteil konzentriert, verfeinert und zugespitzt auf wenige klar umrissene Tableaus, die in nahezu klassischer Weise ein Leben und eine Zeit fixieren.

Nahezu klassisch: Der erste lange, sich zuspitzende Satz führt von einer alten Schokoladenfabrik, die jetzt als Schule dient, in wenigen Schleifen zur Barthaar-Entfernungs-Pinzette der Mutter, mit der die Schülerin in ihrer Bank den Fliegen Beine, Köpfe und Flügel ausreißt, um sie fein säuberlich getrennt in Zigarillokistchen zu sammeln. Im zweiten Abschnitt erschlägt der Hausmeister auf dem Schulhof eine Ratte und beraubt damit eine zweite blinde Ratte ihrer fürsorglichen Führerin. Die Schüler dürfen das behinderte Nagetier fortan im Heizungskeller füttern. Auf diesem Schulhof steht eine dreizehn Meter hohe Sommereiche, deren erste zarte Triebe alljährlich von unzähligen Goldafterraupen, die man nie zu Schmetterlingen mutieren sieht, im Nu vernichtet werden. Die Ich-Erzählerin baut drei Goldafterraupen aus einem gehöhlten Weinkorken und Nähnadeln ein Gefängnis, um Zeuge der gloriosen Metamorphose zu werden, sieht sie aber nach einigen Tagen sterben.

In den sieben Seiten dieses mit leichter Ironie, doch dicht und schnörkellos konzentriert erzählten Vorspiels ist die nun folgende eigentliche Geschichte zoologisch-erotischer Irrungen und Wirrungen noch verpuppt enthalten: die vorpubertäre Sexualität zwischen Angst, Neugier und Sadismus; kindlicher Leichtsinn und zufälliger Tod; blinder Vitalismus und Verderben. Lange-Müllers Feinarbeit geht so weit, daß uns die seltsame Stofflichkeit eines milchigen Überzugs auf den Augäpfeln der blinden Ratte leichtr moduliert im Buch mehrfach wieder begegnet - in Verbindung mit anderen, vornehmlich Männerkörpern.

Der Hauptteil: Ein linkischer und verklemmter Hobbyzoologe gibt in der Schulaula eine Vorstellung mit seinen diversen Kleintier- und Insektenpräparaten. Die lebende Anakonda, die er als Höhepunkt der Schulshow aus dem Korb holt, läßt sich die Erzählerin in einem besinnungslosen Moment von Mut und Hingabe über die Schulter gleiten und wird daraufhin vom Impresario zu einer botanischen Expedition eingeladen. Die endet ein halbes Jahr später in einem Fiasko, als sich das Mädchen, von Rosenkäfern zerbissen, vor dem stumm besessenen Insektenjäger in hysterischer Qual auf dem Erdboden windet.

Das Nachspiel: Einige Jahre später kann sich die Schülerin beim Direktor drei Kästen mit aufgespießten Käfern abholen, den Nachlaß des inzwischen verstorbenen Kleintierfreaks. Doch das Mädchen, fortgeschritten in der Pubertät, ist inzwischen in ihren Biologielehrer verliebt. Sie betrinkt sich mit dem Diabetiker-Eierlikör ihrer zuckerkranken Großmutter, bearbeitet die geerbten Käfer mit farbigem Nagellack und setzt - mit Hilfe der Barthaar-Entfernungs-Pinzette der Mutter! - deren verschiedene Körperteile zu bizarren Mischwesen neu zusammen. Ein Geschenk von verliebtem Herzen für den schönen Biolehrer. Der ist mitsamt dem Schuldirektor so beeindruckt von diesem Verrat an der Wissenschaft, daß das Mädchen die Schule noch vor dem Abitur verlassen darf.

Katja Lange-Müller hat den gesamten psychischen und körperlichen Prozeß des "Frühlingserwachens" so konsequent und genau in Beschreibung und Handlung umgesetzt, daß sie sich jeden Hinweis auf innere Vorgänge sparen kann. Das heftige Stoßen und Reißen der Sexualität, die noch kein adäquates Objekt fixiert, sich noch keinen konventionellen Weg gebahnt hat, versetzt alle Ebenen des Textes in eine unruhig wuchernde Bewegung: Syntax, Metaphorik, szenische Dramaturgie. Nur ausgesprochen wird nichts, weder in psychischer Introspektion noch in der Reflexion. Sie drängt und wühlt in der Gestalt, sagen wir: dem Körper des Textes selbst; doch immer unter der sorgfältigen Kontrolle der Erzählerin.