Rot war er und kaum größer als ein Bauklötzchen: Mein "Gucki" aus dem Andenkenladen in Oberammergau. Auf Knopfdruck schob er mir das - technisch ziemlich unbefriedigende - Abbild sonnenbeschienener Berggipfel vors Auge, ließ im fingernagelgroßen Lichtkarree weidende Kühe und Burschen in Lederhosen aufscheinen, ein blumengeschmücktes Herrgottsmarterl und derlei mehr, wonach Alpensehnsucht sich verzehrt. Kinderfreude der frühen sechziger Jahre, verpackt in die damals noch wenig vertraute Gestalt eines Fernsehapparates. Undenkbar im Zeitalter postmodernen Luxusdesigns!

Undenkbar? Als himmelblaues "Schrankmodell" hat der Frankfurter Designer Matthias Dietz solch ein billiges Mini-Dia-TV erst kürzlich im Souvenirshop von Schloß Neuschwanstein gefunden - und gleich seiner Sammlung profaner All-tagsgegenstände einverleibt.

Etwa ein Drittel dieser mehr als 800 Exponate umfassenden Sammlung ist derzeit in einer Ausstellung im Frankfurter Museum für Kunsthandwerk versammelt - ergänzt von den russischen Fundstücken des schwedischen Möbelgestalters und Design-Professors Mats Theselisus. "Low Budget", so der Titel der Schau, ist jedoch mehr als eine Versammlung gewöhnlicher Dinge. Fern des alltäglichen Umgangs damit evoziert sie einen zweiten, fremden Blick auf das Allzubekannte, Gewohnte. Denn wer von uns macht sich beim Einkaufen noch über die Gestaltung der Brandt-Zwiebacktüte Gedanken, fragt nach dem Design des Balkens mit der Aufschrift "Nächster Kunde", den die Kassiererin im Supermarkt zwischen die Waren zweier Käufer auf das Transportband wirft, interessiert sich für die Formgebung von Weckgläsern, Radiergummis, Handbürsten, Kehrschaufeln, Ketchupspendern oder Kämmen?

Alle Exponate stammen aus Kaufhäusern, Basaren, Souvenirshops, Supermärkten oder Spielzeugläden und sind noch heute erhältlich. Keines der Objekte kostete mehr als vierzig Mark. Sie wurden, nein: werden weder exklusiv vertrieben noch mit einem exquisiten Label verziert. Und deshalb benutzen wir diese namenlosen Dinge, ohne ihrer Gestaltung große Aufmerksamkeit zu schenken. Sie sind uns vertraut in ihrer Anonymität.

Möglicherweise weit mehr als Produkte von Stardesignern verkörpern diese anonymen, gewöhnlichen Alltagsikonen das, was spätere Generationen als typisch für den Zeitgeschmack einsortieren werden. Für uns selbst regen sie in ihrer museal verfremdeten Vielfältigkeit nicht nur zum Nachdenken über die gestylte Warenwelt der neunziger Jahre an. Natürlich spekuliert die Schau auch mit dem Sinn für Komik und dem Reiz des schlechten Geschmacks. Wo sonst ist Raum für dringliche Schrullen wie den Strandhandtuchhalter in Krokodilsgestalt, schwarze Gummischuhe mit Flechtmuster und Schnürsenkelprägung oder schulheftgroße Ghettobluster aus zitronengelbem Plastik?

Museum für Kunsthandwerk,

Frankfurt, bis 28. April.