Mehr als 700 überwiegend ältere Menschen haben es im Exil nicht mehr ausgehalten und sind mit offizieller Duldung in die Sperrzone zurückgekehrt. Denn hier liegt ihre Heimat. Sie ziehen ein äußerst karges Leben im eigenen Holzhäuschen, oft ohne Elektrizität und fließendes Wasser, ohne Nachbarn, Kaufmann, Arzt, Polizist oder Bürgermeister, der Existenz in der Fremde vor. Dort fühlten sie sich entwurzelt, ohne Arbeit und Lebenssinn. Das Heimweh ist stärker als die Angst. "Ich sammle im Wald Beeren und Pilze", sagt die 65jährige Alowna Nikitowna und schwört, das Wasser sei in Ordnung, hier im einstigen Tausendseelendorf Bartolomeevka. Jetzt lebt sie alleine mit ihrem Mann und zwei weiteren Rückkehrern in dem verfallenden weißrussischen Dorf östlich der Stadt Gomel, rund hundert Kilometer entfernt von dem Unglücksreaktor Tschernobyl. Freunde und Verwandte kommen regelmäßig vorbei und versorgen sie mit dem Allernötigsten. In dem Ort stehen 160 Häuser leer, die meisten sind völlig ausgeplündert. Die Fenster zerstört, die Fußböden herausgerissen. Wo bittere Armut herrscht, sind Bodendielen begehrtes Bau- und Brennmaterial. Offiziell ist auch dieses evakuierte Gebiet in der Nähe des Dreiländerecks von Rußland, der Ukraine und Weißrußland streng bewacht. Dennoch wurde geplündert, die Kriminalität blüht buchstäblich: Organisierte Banden versuchen, die verlassenen Felder zu nutzen und pflanzen großflächig Mohn an. Gelegentlich fällt dann den Wachmännern ein Meer roter Blüten auf.

Die Region östlich von Gomel wurde vom Fallout aus Tschernobyl besonders stark heimgesucht. Auf einem riesigen Gebiet schlug sich mehr als eine Million Becquerel Cäsium pro Quadratmeter nieder. Selbst in 200 Kilometer Entfernung vom Unglücksreaktor sind manche Flächen ähnlich stark belastet wie Teile der Dreißigkilometerzone um den Reaktor. Der Wind hatte die radioaktive Wolke nach der Explosion in mehr als tausend Meter Höhe erfaßt und nach Nordosten getragen. Dort schlug sich ein großer Teil der strahlenden Fracht nieder und bildete einen unsichtbaren Flickenteppich. Die Folge war, daß in einigen Dörfern eine Hälfte evakuiert werden mußte, die andere blieb bewohnbar.

Kaum vorstellbar, was die Strahlung angerichtet hätte, wäre sie vom Wind nach Süden geblasen worden in die wesentlich näher gelegene Dreimillionenstadt Kiew.

In Weißrußland sind seit der Reaktorhavarie rund 500 Kinder an Schilddrüsenkrebs erkrankt - die meisten von ihnen stammen aus der Region Gomel. Wie Eugen Demidzik, Direktor des Zentrums für Schilddrüsenerkrankungen in Minsk, erklärte, sind zwar alle dieser Kinder, außer einem Mädchen, noch am Leben. Doch ihnen mußte die Schilddrüse entfernt werden, sie bleiben bis an ihr Lebensende abhängig von der Zufuhr künstlicher Schilddrüsenhormone. Und keineswegs alle Operierten können als geheilt gelten, wie Professor Christoph Reiners von der Universität Würzburg in Minsk ausführte. So wurden rund hundert Kinder, deren Schilddrüsenkrebs weit fortgeschritten war und Tochtergeschwülste (Metastasen) in der Lunge und anderen Organen gebildet hatte, zusätzlich in Deutschland mit einer speziellen Radiojodtherapie behandelt.

So makaber es klingt, aber radioaktives Jod, das den Kindern den Krebs brachte, ist nun ihre einzige Rettung. Schilddrüsenzellen, insbesondere ihre schnellwachsenden Tochtergeschwulste, sind begierig auf Jod, sie saugen es aus dem ganzen Körper förmlich auf. Deshalb geben die deutschen Krebsmediziner den Kindern eine hohe Dosis radioaktiven Jods zu schlucken. Die im Körper verstreuten Metastasen sammeln das Jod und gehen daran zugrunde. "Knapp sechzig Prozent der von uns behandelten Kinder können inzwischen als geheilt gelten, die übrigen sind noch in Behandlung", sagte Reiners. Langfristig allerdings, in etwa fünf bis zehn Jahren, sei bei schätzungsweise zehn Prozent der mit Radiojod behandelten Kinder mit einer erneuten Krebserkrankung zu rechnen, vor allem Leukämie. Diese Prognose sei allerdings mangels zuverlässiger Daten mit erheblichen Unsicherheiten behaftet, meinte Reiners, der die Radiojodtherapie in Minsk eingerichtet hat.

Damit bleibt den jungen Patienten künftig eine psychisch belastende Überführung in eine fremde, anderssprachige Umgebung erspart. Generell, so betonte Tamara Belookaja, Vorsitzende der Bürgerinitiative Kinder von Tschernobyl, hätten die gutgemeinten Verschickungen vieler hundert Tschernobylkinder zur Erholung nach Deutschland wenig gebracht. Für die Vierzehn- bis Achtzehnjährigen sei dies zwar eine interessante Erfahrung gewesen, aber vor allem für jüngere Kinder ohne Sprachkenntnisse hätten die Auslandsreisen die Gesundheit kaum gebessert und nur viel Streß gebracht. Da inzwischen die Mehrzahl der weißrussischen Kinder an ernährungsbedingten Mangelerscheinungen litten und viele Arbeitslose kein Dach mehr über dem Kopf hätten, ließe sich mit einfachen Hilfsmaßnahmen vor Ort mehr erzielen als mit aufwendigen Auslandsaufenthalten.

Inzwischen herrscht weitgehend Einigkeit, daß die drastisch gestiegene Zahl der Fälle von Schilddrüsenkrebs durch den Unfall von Tschernobyl bedingt sind und daß bisher - entgegen den ursprünglichen Erwartungen - die Zahl der Leukämiefälle noch nicht signifikant angestiegen ist. Umstritten bleibt hingegen die Frage, wie viele Opfer die Reaktorkatastrophe insgesamt gefordert hat. So geht ein kürzlich erschienener Bericht von Strahlenexperten der OECD aus Europa, Japan und den Vereinigten Staaten ("Chernobyl, Ten Years On", Paris 1996) davon aus, daß es bisher lediglich 31 Tote und 140 akut Strahlenkranke gegeben habe; hinzu kämen die Fälle von Schilddrüsenkrebs, deren Zahl noch weiter steigen werde. "Andererseits hat die wissenschaftliche und medizinische Beobachtung der Bevölkerung weder einen Anstieg anderer Krebserkrankungen wie der Leukämien ergeben noch bei genetischen Abnormitäten oder Störungen in der Schwangerschaft beziehungsweise anderen strahlenbedingten Erkrankungen, die dem Unglück von Tschernobyl zugeordnet werden könnten", heißt es in dem Bericht.