Jerusalem

Einheiten von Jehije Ajasch, neue Generation, Palästina" stand auf den Flugblättern, die nach den ersten beiden Selbstmordattentaten am 25. Februar verteilt worden waren. Zwei Tage später allerdings veröffentlichte der militärische Flügel von Hamas, die Izz-ad-Din-al- Qassam-Brigaden, eine Unschuldserklärung: Die islamistische Hamas-Bewegung habe mit den Anschlägen in Jerusalem und in Aschkelon nichts zu tun. Beobachter glauben angesichts solcher Widersprüche, daß die Schüler des ermordeten "Bombeningenieurs" Ajasch gegen den militärischen Flügel von Hamas rebellieren. Denn der hatte sich für das Einfrieren von militärischen Operationen entschieden - die Schüler machen offenbar alleine weiter.

Vierhundert bis fünfhundert potentielle Selbstmordattentäter, so glaubt der Chef des israelischen Geheimdienstes Ami Ajalon, warten in der West Bank und im Gaza-Streifen darauf, sich in die Luft zu sprengen. Dabei handele es sich um fünfzehn- bis zwanzigjährige Palästinenser, die im Namen des Islam einer Gehirnwäsche unterzogen würden und im irdischen Leben nichts zu verlieren hätten. Wer ihre Lehrmeister sind, darüber wird noch viel spekuliert.

Nach den Attentaten gab es von Hamas mehrere widersprüchliche Erklärungen. So wurde Israel ultimativ aufgefordert, sich auf Verhandlungen einzulassen.

Die Rache für Ajasch sei nun abgeschlossen, hieß es nach dem dritten Anschlag am Sonntag. Am Tag darauf explodierte dann in Tel Aviv die nächste Bombe. Der palästinensische Politologe und Fundamentalismusexperte Sijad Abu Amer schließt gezielte Desinformation nicht aus. Allerdings ändere das nichts an den tatsächlich bestehenden Differenzen innerhalb der Hamas. Abu Amer, ein unabhängiger Abgeordneter aus Gaza im Palästinensischen Nationalrat, sieht Anzeichen einer Spaltung nicht mehr nur zwischen dem militärischen und politischen Flügel, sondern auch zwischen Hamas-Anhängern innerhalb und außerhalb Palästinas, sogar zwischen der West Bank und dem Gaza-Streifen. Ursache der Meinungsverschiedenheiten ist die unterschiedliche Haltung gegenüber den neuen Realitäten im Nahen Osten und insbesondere gegenüber der palästinensischen Autonomiebehörde unter Jassir Arafat, die sich mit dem "zionistischen Feind" eingelassen hat.

Die Selbstmordanschläge sind im Grunde verzweifelte Gewaltausbrüche von Verlierern. Denn der Zulauf zu Hamas, immer auch Gradmesser für soziales Elend, war in jüngster Zeit spürbar zurückgegangen. Nach ihrer Gründung im Januar 1988 - einen Monat nach Beginn der Intifada - hatte sich Hamas, die arabische Abkürzung von "Bewegung des islamischen Widerstands", zu einer wichtigen Widerstandsbewegung entwickelt. Ihre Anhänger sind erbitterte Gegner des Osloer Abkommens, das in ihren Augen den Ausverkauf palästinensischer Interessen bedeutet. Erklärtes Ziel ist ein islamischer Staat in ganz Palästina - ohne Israel.

Während die Hamas-Führung in Damaskus und Amman an ihrer Ideologie festhält und die Anführer in der West Bank nach dem Teilabzug der israelischen Armee immer noch ihre Stärke testen, wollen moderatere Hamas-Vertreter im Gaza-Streifen in der Politik mitwirken. Dort haben sie in letzter Zeit eine Art "Arbeitsbeziehung mit der palästinensischen Regierung geschaffen", sagt Abu Amer. Sie verstünden daher die Bedürfnisse der Regierung Arafats und seien pragmatischer. Dennoch mußten diese moderaten Hamas-Aktivisten auf Druck von "draußen" ihre Kandidatur bei den palästinensischen Wahlen im Januar wieder zurückziehen. Arafats beeindruckender Wahlerfolg lieferte den klaren Beweis, daß die Popularität von Hamas zurückgegangen war. Der Wendepunkt war offenbar der verheerende Anschlag von Beit Lid im Januar 1995. Die palästinensische Öffentlichkeit hatte zunehmend das Gefühl, mit solchen Attentaten sich selber zu schaden, politisch und wirtschaftlich. Die Hamas erkannte, daß es Zeit war für eine Atempause. Deswegen einigte sie sich im vorigen Sommer auf ein Stillhalteabkommen mit der PLO. Im Dezember bekräftigte sie in Kairo, "die palästinensische Autonomiebehörde in ihren Versprechen gegenüber Israel nicht zu blamieren". Doch Ende Februar schlugen die Selbstmordattentäter so massiv zu wie nie zuvor.