In der Erinnerung geblieben ist das Gesicht des jungen Gérard Depardieu, der fragend zu Marguerite Duras schaut (in "Le Camion", 1977); der erwachsene Mann, der ein Kind ist, ohne ein Kind zu spielen, und der dabei die Worte so spricht, als müsse er sie erst üben, als kenne er sie noch nicht (in "Les Enfants", 1984); Jeanne Moreau (in "Natalie Granger", 1972) und Delphine Seyrig (in "India Song", 1974), die in den Filmen von Marguerite Duras nicht mehr Schauspielerinnen sind, die in einem Duras- Film spielen, sondern zur Verkörperung eines Typs, zur Duras-Frau, ihrem "Weib-Modell" werden.

In den Filmen der Duras durfte man nie nur sehen, vor allem mußte man hören: ihre wunderbare eigene Stimme, die ein schwarzes Bild strahlen läßt, Personen, die sprechen, ohne daß sie zu sehen sind. Das Geheimnis steckt in der Differenz zwischen dem, was gesagt, und dem, was gezeigt wird, hinter der Langsamkeit der Bilder, hinter deren Sinn und zwischen den Figuren, die das Mögliche weit mehr lieben als das Wirkliche. "Jemand, der spricht, ist ein Bild."

Über den Zustand, in dem sie schrieb, hat sie einmal gesagt, er sei einer "äußerst intensiven Lauschens".

Weder von ihren Filmen oder Theaterstücken noch ihren Büchern bleiben Geschichte oder Handlung in Erinnerung. Statt dessen hört man den Ton ihrer Sätze, spürt den Rhythmus, den Sog einer Stimmung. Von ihren Texten geht eine Suggestion aus, die den Leser verführen, die Leserin hineinziehen will in die Logik einer Konstellation, die auf Verwirrung zielt, auf Auflösung der Erwartung.

Marguerite Duras hat sich dem Lektüre-Bedürfnis nach Stoff und Mitgeteiltem verweigert: "Schreiben ist nicht Geschichtenerzählen. Es ist das Gegenteil von Geschichtenerzählen. Es ist: alles auf einmal erzählen. Es ist: eine Geschichte und das Fehlen dieser Geschichte erzählen. Es ist: eine Geschichte erzählen, die durch das Fehlen einer Geschichte zustande kommt."

Ihren größten Erfolg hatte die siebzigjährige Autorin Mitte der achtziger Jahre dann mit dem Buch, in dem sie sich von ihrem Programm am weitesten entfernte: "Der Liebhaber" wurde millionenfach gekauft und gelesen, aufwendig und geheimnislos verfilmt. Von diesem autobiographischen Roman behält man vor allem die Handlung: eine fünfzehnjährige Kolonialfranzösin, die sich auf eine Amour fou mit einem reichen, älteren Chinesen einläßt, die den Abschied von der Kindheit vollzieht, indem sie sich der Lust hingibt.

Das schöne an diesem Erfolg war, daß er eine als schwierig geltende Autorin in die Bestseller-Listen brachte. Für die Erinnerung an diese Autorin hat er sonst keine Bedeutung. Marguerite Duras war eine Andeuterin, eine Beschwörerin, die ihren Figuren stets ein Geheimnis ließ: das ihrer Herkunft, ihres Handelns, ihres Leidens, manchmal auch ihres Verbrechens. Man muß in ihren Büchern nach Antworten suchen, ohne sich dabei auf die Unterstützung der Autorin verlassen zu können.