RATZEBURG. - "Pastoralkolleg der Nordelbischen Kirche", steht auf dem Schild vor dem Haus, das idyllisch zu Füßen des prächtigen Ratzeburger Doms liegt. "Landeskirche Mecklenburg", liest man an der Domprobstei, nur wenige Meter weiter. Zwei Kirchen wohnen also, ach, in dieser Stadt? Die deutsche Teilung machte nicht an Kirchengrenzen halt. Bis heute gehört die schleswig-holsteinische Domgemeinde Ratzeburg mit ihren 900 Gläubigen zur evangelischen Landeskirche Mecklenburg. Die Nordelbische Kirche hatte in den vergangenen Jahrzehnten lediglich die Verwaltung der westlich gelegenen Mecklenburger Gemeinden übernommen, treuhänderisch.

Sechs Jahre nach der Wiedervereinigung soll nun alles wieder in Ordnung kommen. Nur in welche: in eine ganz alte, die alte oder in eine völlig neue? Da sind sich die Beteiligten, was Ratzeburg angeht, nicht einig.

"Hier soll zusammenwachsen, was historisch zusammengehört", sagt der Ratzeburger Domprobst Hans-Jürgen Müller: Daß es auch zusammenpaßt, bezweifelt der Kirchenmann. Ein schroffes Nein zu Mecklenburg verbiete sich allerdings aus Gründen des Anstandes. Einfach einverleiben lassen will sich Ratzeburg vom Oberkirchenamt in Schwerin aber auch nicht: "Denen geht es nur um den Dom", glaubt der Probst.

Er fürchtet um den Stellenwert seines Gotteshauses als Hauptkirche, wenn die Gemeinde dem Schweriner Kirchenverband zugeschlagen wird, wo es schon einen Dom gibt. Außerdem sorgt er sich um die Zuschüsse des Landes Schleswig-Holstein: Rund eine halbe Million Mark im Jahr gibt das Land für die Erhaltung des Domes aus. Doch nicht allein Besitzstandsdenken treibt den Domprobst um: "Finden Sie hier mal eine Sekretärin oder einen Küster zum Ostgehalt", sagt er. Müllers Vorschlag zur Güte ist ein "dritter Weg". Er will eine gemeinsame Verwaltung der Gemeinde Ratzeburg einrichten und den Dom zu einem "Gelenk" der östlichen und westlichen Landeskirchen machen. Eigenständig seien die Ratzeburger schließlich schon seit dem 12. Jahrhundert, als das kleine Bistum gegründet wurde.

Die Mecklenburgische Landeskirchenverwaltung in Schwerin zeigt sich erstaunt und verstimmt: "Die Rechtslage ist eindeutig", sagt Andreas Flade vom Oberkirchenrat - Gemeinde samt Gebäuden gehörten zu Mecklenburg. Die Schweriner glauben überdies die Gläubigen in Ratzeburg auf ihrer Seite und fragen sich, was Domprobst Müller noch alles wolle. "Er hat wohl einfach Angst vor dem armen Mecklenburg", argwöhnt Oberkirchenrat Flade, "dann soll er das aber auch sagen." Auf nordelbischer Seite hält unterdessen die Landeskirche ihre Arme weit offen: Allein der Wille der betroffenen Gemeinde entscheide.

Bis Ende des Jahres muß eine Entscheidung fallen, denn im Dezember stehen bei den Nordelbischen die Kirchenwahlen an. Wenn die Entwicklung weitergehe wie bisher, prophezeit Domprobst Müller, werde es ohnehin in einigen Jahren eine vereinte Nordkirche geben. Spätestens dann sei die ganze Aufregung um den Dom überflüssig.