Nächster Halt: Jarnac!" Ruckend kommt der aus einer Lokomotive und einem Waggon bestehende Zug zu stehen. Der Schaffner wechselt ein paar Worte mit dem Bahnhofvorsteher. Dann fährt der Zug schnaufend weiter. Der Bahnhofsvorsteher verrammelt die Türen und knipst das Licht aus. Kurz nach neun Uhr abends: die letzte Verbindung nach Jarnac. Hundert Meter entfernt, gleich neben den Gleisen, sind vage ein paar Lichter zu erkennen. "Hotel Terminus" steht an der Hauswand, von der die Farbe abblättert. Einen Stern hat der Tourismusverband der einzigen Herberge in Jarnac verliehen. Sie hat zu dieser Stunde noch ein Zimmer frei. "Das letzte", wie die Wirtin betont, "170 Franc die Nacht." Die übrigen elf Räume sind also belegt. Von gestrandeten Fernfahrern? Von Handelsreisenden mit knappem Budget? Nein, von Touristen! Was sie hierher führt, das ist aus Gesprächen im Speisesaal zu vernehmen.

Gleich am Nebentisch sitzt ein älteres Ehepaar. Der Mann schenkt den letzten Rest Rotwein ein; die Frau bestellt noch eine Crème caramel.

Der Mann: "Bist du jetzt zufrieden?" - Die Frau: "Es war gut, daß wir gekommen sind. Immerhin hat er das Leben Frankreichs und auch deins und meins geprägt." - "Aber wie . . ." - "Du hast selber zugegeben, daß es dir nahegegangen ist, als er dann starb." - "Deswegen hätten wir ja nicht gleich hierherkommen müssen. Du hast ja nun selber gesehen, daß es nicht viel zu sehen gibt . . ." - "Der Friedhof ist wirklich nichts Besonderes, so kühl und abweisend."

Am Morgen Zeitunglesen, Milchkaffeetrinken. Natürlich ist auch im Lokalblatt Charente Libre von "ihm" die Rede: Der Gemeinderat von Jarnac hat sich am Vorabend mit "ihm" befaßt. Braucht der Ort mit seinen 4800 Seelen nun neue Hotels, gediegene Restaurants, schicke Läden, eine beeindruckende Statue für den Hauptplatz, die Place du Château, wo freilich als einziges schloßähnliches Gebäude der Sitz der Cognac-Firma Courvoisier steht? Fragen über Fragen.

Der 8. Januar 1996, ein Montag, sollte Jarnac verändern: der Todestag von François Mitterrand. Was hat das mit uns zu tun? fragten sich viele Bürger des Städtchens. Gewiß, der langjährige Präsident der Republik wurde hier geboren, kam auch später ab und an vorbei. Aber wer konnte schon ahnen, daß er ausgerechnet hier zu begraben werden wünschte. Hatte er nicht vielmehr mit dem Pantheon in Paris geliebäugelt, der letzten Ruhestätte von Frankreichs großen Männern (und einer einzigen Frau, der Naturwissenschaftlerin Marie Curie)? Hatten die Medien nicht vom Mont Beuvray im Burgund geschrieben, wo seinerzeit Vercingetorix die gallischen Truppen in eine heroische, wiewohl sieglose Schlacht führte und Mitterrand sich schon einen Grabplatz gekauft hatte?

Doch Jarnac sollte es letzten Endes sein. Mit den sterblichen Überresten Mitterrands traf die Trauerfamilie ein und mit ihr ein Heer von Journalisten und Fernsehtechnikern. Die Bilder von der Beerdigung gingen um die Welt, um so mehr als darauf in vereinter Trauer nebeneinander Mitterrands Gattin Danielle, Mitterrands Söhne, aber auch seine Mätresse und seine außereheliche Tochter zu sehen waren. Beim Blumenhändler in der Grand' Rue bestellten Helmut Kohl und Nelson Mandela Trauergebinde. Und seither wird es nicht mehr ruhig in Jarnac. Selbst an kalten Februartagen treffen täglich Hunderte von Besuchern ein, an Wochenenden gar viele tausend; 60 000 waren es in den drei Wochen nach der Beerdigung. Frankreich hat einen neuen Wallfahrtsort bekommen: nach Lourdes für die Katholiken und Colombey-les-deux-Eglises für die Gaullisten nun also auch noch Jarnac.

Die resolute Leiterin des kleinen Fremdenverkehrsbüros breitet den verlangten Stadtplan gleich ungefragt aus und zeichnet mit dickem Filzstift ein: den Weg zum Friedhof, den Weg zu Mitterrands Geburtshaus und den Weg zum Mitterrand-Museum. Erst danach stellt sie fest: "Sie kommen sicher wegen des Präsidenten. Alle kommen seinetwegen."