Es mußte auf jeden Fall ein Zug sein, der in Meran vor Einbruch der Dunkelheit ankam. Denn die Stunden danach gehörten dem Mörder, der in der Stadt seit Wochen sein Unwesen trieb. Ich nahm also den Frühzug. Stahlend blauer Himmel über der Kurstadt. Die Berge ringsum bis tief hinab ins Tal verschneit. Auf dem Fußweg in Richtung Kursaal Vogelgezwitscher aus Palmen - über das sich plötzlich das Tatütata eines Funkstreifenwagens legt. Und dann noch eine Sirene und noch ein Blaulicht der Carabinieri - und jäh die Erkenntnis, daß das alles dem "Monster" gelten könnte, auch wenn es erst Vormittag ist. Ich winke das nächste Taxi herbei und sage: "Fahren Sie denen hinterher, ganz gleich, wo die Reise endet!"

Sie führt hinaus aus der Stadt, in Richtung Norden, auf der Landstraße ins Passeiertal. Ich zähle schon bald nicht mehr die uns überholenden Carabinieri-Wagen. Nach fünf Kilometern kommt es zum Stau. Es ist kurz vor zehn Uhr. Das zweisprachige Ortsschild lautet: Rifiano - Riffian. Straßenblockade! Also zu Fuß weiter.

Eine Menge Leute sind unterwegs, und alle rennen in Richtung Sportplatz einen Hügel hinauf, hinter dem Qualmwolken aufsteigen. Querfeldein durch Apfelgärten stolpernd, keuche ich voran, dann sehe ich plötzlich in hundertfünfzig Meter Entfernung vor mir einen in hellen Flammen stehenden Heuschober. "Sofort hinlegen! Flach auf den Boden!" brüllen Carabinieri auf italienisch den anstürmenden Neugierigen zu. Hier scheint der Krieg ausgebrochen zu sein. Dutzende, wenn nicht Hunderte Uniformierter mit gezogenen Waffen, Pistolen und Gewehren, kauern hinter Obstbäumen. Immer wieder mal feuern sie in den brennenden Heustadel.

Drei Wochen hatte der Mörder die Stadt in Atem gehalten, sechs Menschen erschossen. Die ersten Opfer waren der aus Kronberg im Taunus stammende Bundesbankdirektor Hans Otto Detmering (61) und seine italienische Begleiterin Clorinda Checchetti (50). Beide wurden in den Abendstunden des 8. Februar auf der Meraner Winterpromenade mit je einem Kopfschuß aus nächster Nähe ermordet.

Der zweite Mordanschlag, eine Woche später und wiederum in den Abendstunden, taf den Bauern Umberto Marchioro (57) in dem Vorort Sinich. Mit dem vierten Toten am Abend des 27. Februar stand fest: Ein Monster geht durch die Stadt, mordet willkürlich, und jeder kann sein nächstes Opfer werden.

Mitten im Zentrum der Stadt, dem Pfarrplatz, wurde der 36jährige Paolo Vecchiolini erschossen. Wie in den vergangenen Fällen stammte das tödliche Geschoß aus einer Waffe des Kalibers 22, hatte der Täter aus einer Entfernung von nur einem bis zwei Metern den tödlichen Kopfschuß abgegeben.

Doch dieses Mal gab es eine Augenzeugin. Yvonne, die Freundin des erschossenen Paolo - beide bummelten untergehakt in den schon menschenleeren Laubengängen der Innenstadt auf der Suche nach einem Abendrestaurant - gab der Polizei präzise Hinweise. Es habe sich von hinten jemand genähert, ihr Freund drehte sich um, dann sei der tödliche Schuß gefallen. Bevor die junge Frau in laute Hilferufe ausbrach, sah sie dem Mörder einen Augenblick lang ins Gesicht. Erstmals entstand ein konkretes Phantombild, das Gesicht des Mörders bekam Züge: hohe Stirn, blondes Haar, bärtig, 35 bis 45 Jahre alt.