Sohren Dem Traumhaus fehlt nur noch der Garten. Erst im Frühling werden Marias Eltern Zeit finden, Rasen einzusäen und ein paar Büsche zu pflanzen. Holzplanken führen über das feuchte Erdreich zum Eingang, wo die Sechzehnjährige schüchtern lächelnd wartet. Sie spricht beinahe akzentfrei Deutsch. Vor fünf Jahren erst ist die Familie Dechandt aus Nowotroizkoje in Kasachstan nach Deutschland gekommen. Seit Dezember wohnt sie in den eigenen vier Wänden. Keineswegs eine einzigartige Erfolgsgeschichte im rheinland-pfälzischen Büchenbeuren, achtzig Kilometer westlich von Mainz. Ganze Neubauviertel werden im Hunsrück von Aussiedlerfamilien errichtet.

Auf Maria ruhen nicht nur die Hoffnungen der Eltern, sondern auch der Lehrer an der Regionalen Schule Sohren. Dort ist die zierliche Schönheit Sprecherin von 450 Schülerinnen und Schülern. Fast 300 davon stammen aus Aussiedlerfamilien. Marias Wahl gilt als Symbol für den Beginn des Integrationsprozesses. Doch nach dem Unterricht trennen sich die Wege von Aussiedlern und Einheimischen meist am Schultor, noch hat Maria keine gute Freundin unter den Büchenbeurener Mädchen. Ihr Freund Andreas stammt aus Kirgisien, und natürlich spricht sie mit den anderen Aussiedlerkindern auf dem Pausenhof russisch. "So sind wir das halt gewohnt", sagt Maria entschuldigend und versinkt in den Tiefen der nagelneuen elterlichen Sitzlandschaft.

Immerhin hocken Einheimische und Aussiedler in den Schulbänken nebeneinander und arbeiten problemlos zusammen. Vor zwei Jahren war das noch ganz anders. "Da flogen schon mal die Fetzen", berichtet Ingo Noack, der Aussiedlerbeauftragte der Schule. "Und nun droht Lafontaines Schnellschuß unsere ganze Integrationsarbeit auf einen Schlag kaputtzumachen", klagt der Pädagoge, selbst SPD-Mitglied.

Von Integration will Heinz Michel, der Bürgermeister von Sohren, gar nicht sprechen. "So ein schwieriges Wort versteht im Hunsrück niemand", meint der kantige CDU-Mann sarkastisch. In seiner Gemeinde wohnen 2000 Alteingesessene neben 1200 Zuzüglern, im benachbarten Büchenbeuren ist das Verhältnis gar eins zu eins. "Wir leben getrennt zusammen", räumt Michel ein und ist schon froh, wenn alle friedlich bleiben. Um so heftiger schimpft auch er auf Lafontaine, weil der die bestehende Kluft zwischen Einheimischen und Aussiedlern noch vertiefe: "Der Neid ist eine Pflanze, die man nicht zu gießen braucht. Einmal verwurzelt, wuchert sie von ganz allein."

Und Neid ist in Sohren überall zu spüren. Neid auf die Rentner, die ein Leben lang gearbeitet, aber nie in die deutsche Rentenkasse einbezahlt haben; Neid auf die Fahrräder der Aussiedlerkinder; Neid auf die schmucken Eigenheime, die sich viele Rußlanddeutsche schon nach kurzer Zeit errichten: "Woher haben die Russen denn das Geld zum Bauen?" zetern die Stammtische. Gerüchte über enorme Begrüßungsgelder, billige Baukredite und ständige Schwarzarbeit zischeln durchs Dorf. Kaum einer der Sohrener will wissen, daß in den Aussiedlerhäusern mehrere Generationen unter einem Dach wohnen. Daß Verwandte und Bekannte mit Geld aushelfen und beim Bau kräftig anpacken. Daß die Rußlanddeutschen in der Fremde, der Heimat ihrer Ahnen, eng zusammenrücken.

Sehr genau registrieren die Rußlanddeutschen alle Stimmungsschwankungen. "Die Emotionen kochen hoch", weiß Emmi Schleicher, wie Maria eine Vorzeigefrau des west-östlichen Miteinanders in Sohren. Die Diplombibliothekarin, die 1990 mit ihrer Familie aus Kasachstan kam und heute als Kassiererin im Schwimmbad arbeitet, singt nebenbei im Kirchenchor und sitzt für die CDU im Gemeinderat. "Drüben wurden wir als ,Faschisten` beschimpft, hier sind wir nur ,die Russen`. Fängt denn alles wieder von vorne an?"

Mit Angst und Unverständnis reagieren auch Adolf und Thusnelda Kessler auf die Aussiedlerdebatte. Seit einem Jahr bewohnen die beiden Fünfundsiebzigjährigen ein kaum zehn Quadratmeter großes, dunkles Zimmer im Übergangswohnheim Büchenbeuren. Die großen Hände im Schoß gefaltet, erzählen die Eheleute im altertümelnden Deutsch der Aussiedler von Verfolgung, Deportation und Schikanen. Der äußere Druck schärfte ihre Identität: "Wir sind Deutsche", sagt Adolf Kessler und zeigt stolz die druckfrische Einbürgerungsurkunde. Und dann, im nächsten Satz, ganz leise: "Aber manchmal vergessen wir, daß wir jetzt in Deutschland leben. Es gibt ja hier so viele Russen." Die Russen, das sind natürlich die anderen. Die kasachischen, kirgisischen oder sibirischen Angehörigen von Deutschstämmigen, deren Zahl unter den Aussiedlern ständig wächst.