Wenn wir der Süddeutschen Zeitung vom vergangenen Montag glauben können, finden wir im Freiherrn von Zschinsky einen neuen, modernen Typus des Journalisten: Er hat ein Satelliten-Telephon, einen Kameramann und ein Beglaubigungsschreiben von "Focus-TV" und schafft sich die Sensationen, über die er berichtet, selbst. Er nimmt eigenmächtig Kontakt mit Geiselnehmern in Kaschmir auf, prügelt sich mit religiösen Fanatikern, gefährdet die Verhandlungen der beamteten Geiselbefreier und alarmiert deutsche Redaktionen: "Ich habe heißes Material gedreht!"

Die Geiseln selbst zu befreien, möglichst live, wäre der heißeste Coup in der Geiselnahmeberichterstattung, gewiß. Aber tut man das? Und doch: Welcher Redakteur wäre, wenn er das heiße Material bei der Konkurrenz sehen muß, nicht doch gerne quotenselig dabeigewesen? Auch wenn die Sache natürlich schmierig bleibt.

Wenn wir der Frankfurter Allgemeinen Zeitung glauben können, steht die deutsche Literatur vor einer neuen großen Zeit, und zwar dank eines Romans, den die FAZ vorabdruckt und in dem die FAZ, wie die FAZ berichtet, auch vorkommt, da es sich um einen Schlüsselroman handelt, den die FAZ Stück für Stück zu entschlüsseln sich anschickt, während sie ihn abdruckt. Das Buch heißt "Finks Krieg", spielt in der hessischen Staatskanzlei und behandelt einen politischen Stoff aus der jüngsten Vergangenheit. Niemand kennt es ganz - außer seinem Autor Martin Walser, dem Suhrkamp Verlag und den Redakteuren der FAZ. Zumindest den "ersten Teil" hat der Staatssekretär Gauland lesen dürfen, der im Buch als Staatssekretär Trokenburg den Bösewicht gibt. Gauland macht in der FAZ Einwände gegen das Buch geltend, das niemand kennt, in der FAZ aber schon zum besten Buch "über das leise Verhältnis von Macht und Wahn" seit Koeppens "Treibhaus" erklärt worden ist, zu einem Roman, der "Bestand haben wird".

Gaulands Einwand: Walser beschreibe einen Filz mächtiger Frankfurter, den es gar nicht gebe. In der Tat ist Frankfurt nicht die Stadt des Filzes, sondern die der Liebe. Schon 1994 hatte Frank Schirrmacher in der FAZ den Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld zum Siebzigsten niedergeliebt ("Ohne Zweifel ist Siegfried Unseld ein Naturereignis"). Zwiefachen Liebeslohn erhielt die Zeitung (und Liebeslohn läßt sich bekanntlich nicht moralisch werten): Erst durfte sie jüngst einen Text von Unselds Gattin Ulla Berkéwicz drucken. Und kurz darauf wurde der FAZ die gesamte Vorab-Lobhudelhoheit, Interpretationskompetenz und Debattenmacht über Walsers neues Suhrkamp-Buch verliehen.

Bis zur endgültigen Veröffentlichung von "Finks Krieg" am 21. März kann die FAZ den Besitz des einzig passenden Schlüssels zum Schlüsselroman genießen und das Buch ausweiden. Sie kann Schlüsselfigur um Schlüsselfigur aufmarschieren lassen - Ignatz Bubis, Joschka Fischer u.a. - und sich mit jeder Stellungnahme für ihren Coup selbst feiern. ("Wir haben heißes Material!") Sie kann den Literaturbegeisterten Sammelbildchen der Schlüsselfiguren zugänglich machen an den Supermarktkassen Deutschlands.

Auch wenn die Sache natürlich doch ein bißchen - schmierig bleibt. Aber man kann viel draus lernen. Erstens: In wichtigen Büchern müssen wichtige Männer vorkommen, die sich in wichtigen Zeitungen ihrer Wichtigkeit versichern (Frank Schirrmacher: "Sie sind nun Personal der Literatur geworden und können zufrieden sein"). Ein wenig von ihrer Wichtigkeit fällt dann auch auf die deutsche Literatur ab. Zweitens: In Zeiten der Rezession müssen alle enger zusammenrücken und einander ein wenig unter die Arme greifen. Zeitungs- und Buchverlage, Kritiker und Schriftsteller, ziehen nicht alle am Ende an einem Strang? Eine Krähe feiert der anderen ein Auge aus.

Drittens: In zwei Wochen erscheint ein neuer Roman von Martin Walser.