Wir setzen uns mit Tränen nieder

Und rufen dir im Grabe zu: Ruhe sanfte, sanfte ruh! Ruht, ihr ausgesognen Glieder! J. S. Bach, Matthäus-Passion (Choral) In dieser Nacht, einer Regennacht, verkriecht sich der mächtigste Mann der Welt im Kaminzimmer seines Palastes. Die Scheite krachen im Feuer, die Klimaanlage bläst Eisluft in den Raum, und dem einsam Wachenden wird abwechselnd heiß und kalt, während er mit erloschenen Augen vor sich hin stiert, das Whiskyglas in seiner zitternden Hand. Sein Reich ist zerbrochen, seine Paladine haben ihn verraten und verlassen, morgen werden sie ihn zwingen, sein Rücktrittsgesuch zu unterschreiben, und sein Volk wird beginnen, ihn zu vergessen. Sein Name: Richard Nixon. Sein Amt: Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Sein Regisseur: Oliver Stone.

In dieser Nacht, fern von Ruhe und Schlaf, wartet der mächtigste Mann von Las Vegas bang auf das Morgengrauen. Sein bester Freund hat ihn verraten, seine Frau betrügt ihn, seine Bosse fordern seinen Kopf, und nur ein letzter Getreuer wacht noch an seiner Seite. Der Tag der Abrechnung naht, der Tag, an dem er wieder ein Nichts und ein Niemand sein wird. Sein Name: Sam "Ace" Rothstein. Sein Amt: Manager und Mafia-Verwalter des "Tangiers", des glänzendsten Casinos der Stadt. Sein Regisseur: Martin Scorsese.

Es gibt Vorurteile, die man pflegen muß, wenn man im Chaos der Filmbilder und -geschichten den Überblick behalten will. Zu ihnen gehört der Satz, daß man Oliver Stone und Martin Scorsese nicht vergleichen kann. Ihre filmischen Welten schließen sich gegenseitig aus: die martialische Schwarzweißmalerei von Stones "Platoon" und die verstörende moralische Zweideutigkeit von Scorseses "Taxi Driver", die krasse Heldenverehrung in "Geboren am 4. Juli" und die Zerstörung eines Boxerdenkmals in "Raging Bull", die maßlose Rhetorik von "JFK" und der ironische Zauber von "Good Fellas". Der eine zeichnet Masken, der andere Menschen; der eine will überwältigen, der andere überreden. einen größeren Gegensatz gibt es nicht.

Doch jetzt hat Oliver Stone einen Dreistundenfilm über einen Machthaber gedreht, der auf dem Höhepunkt seiner Macht scheitert: "Nixon". Und Martin Scorsese hat einen ebenfalls dreistündigen Film gedreht, der vor anderem Hintergrund eine ganz ähnliche Geschichte erzählt: "Casino". Und Stones langjähriger Kameramann Bob Richardson hat beide Filme photographiert. Was noch nicht viel heißen muß.

Die eigentliche Überraschung beider Filme besteht darin, daß nicht nur ihre Sujets, sondern auch ihre Haltungen miteinander verschwistert sind. Sie blicken zurück in eine Zeit der Krise und der Korruption - aber nicht, um sie zu verdammen, sondern um den Widerschein dessen zu erhaschen, was der Franzose la gloire nennt und die Edda "der Toten Tatenruhm": den Glanz geschichtlicher Größe. James Woods, der bei Stone Nixons Stabschef Haldeman spielt und bei Scorsese den Liebhaber von Sam Rothsteins Ehefrau, bringt es auf den Punkt, wenn er die frischverheiratete Sharon Stone am Telephon fragt: "Erinnerst du dich, Baby?" Ja, sie erinnern sich, jeder auf seine Weise, aber so, als hätten sie beide den gleichen Auftrag: retten, was zu retten ist.

Amerikanische Präsidenten treten nicht zurück, sie werden abgewählt. Nur Richard Milhous Nixon macht eine Ausnahme: Am 8. August 1974, zwei Jahre nach dem Einbruch in ein Wahlkampfbüro der Demokratischen Partei im Washingtoner Watergate-Hotel, unterzeichnete er sein Entlassungsgesuch. Aber Oliver Stone hätte "Nixon" vermutlich auch dann gedreht, wenn Nixon nicht über Watergate gestolpert wäre. Denn Stone ist ein Systematiker der amerikanischen Geschichte, und Nixon besetzt in Stones System einen entscheidenden Platz - den des Dunkelmanns.