Alle haben sich verspekuliert, seit Montag wird abgerechnet: Bankiers und Börsianer, die zuletzt voller Optimismus ob der scheinbar sicheren absoluten Mehrheit für Spaniens Konservative ihr Geld angelegt hatten, bezahlten ihre Blütenträume mit Millionenverlusten: Zwölf Stunden nach der Wahl stürzten die Aktienkurse in den Keller, sackte die Peseta ab. Und viele der Demoskopen, die José Maria Aznar, dem biederen Spitzenkandidaten der Partido Popular, schon einen Triumphzug in den Moncloa-Palast prophezeit hatten, müssen jetzt um ihre Jobs fürchten - allzu miserabel hatten sie in den vergangenen Wochen orakelt.

Verkehrte Welt: Felipe González, der Verlierer, freute sich nach dreizehn Jahren Regierungszeit über noch immer neun Millionen Wählerstimmen; er genoß den "Abgang mit erhobenem Haupt" nach all den Skandalen um korrupte Beamte und gedungene Mörder. Derweil quälte sich Aznar, der Gewinner, ein halbes Siegerlächeln ab; verzagt gab er zu Protokoll, das Wahlergebnis "kann ausreichen, um Spanien zu regieren".

Kann, muß aber nicht. José Maria Aznar fehlen im Parlament 20 Stimmen zur absoluten Mehrheit. Die 156 PP-Mandate allein reichen nicht einmal, um Anfang April wenigstens im zweiten Wahlgang mit relativer Mehrheit neuer Ministerpräsident von Spanien zu werden. Denn die gespaltene Linke - die Sozialisten (141 Sitze) und die von Altkommunisten beherrschte Izquierda Unida (21) - dürfte in seltener Eintracht gegen einen rechten Premier stimmen. Auf eine Handvoll Stimmen konservativer Regionalparteien von den Kanarischen Inseln und aus Valencia kann die PP zwar noch zählen, aber jede Rechnung ergibt: Der Weg zur Macht in Madrid führt über Barcelona.

Dort residiert der alte Fuchs Jordi Pujol. Der katalanische Nationalist befehligt die sechzehn Abgeordneten der Regionalpartei Convergència i Unió - und die würden rein rechnerisch reichen, um Aznar zu inthronisieren. Wirtschafts- und sozialpolitisch steht Pujol den Konservativen durchaus nahe; auch er verlangt weniger Schulden, weniger Sozialabgaben und eine schnellere Privatisierung spanischer Staatsbetriebe. Aber Pujol mißtraut der traditionell zentralistischen Partido Popular, eine Koalition mit Aznar gilt als ausgeschlossen. Realistisch scheint eher ein loser Pakt zur Tolerierung des Machtwechsels.

Vor jeder wichtigen Abstimmung müßte Aznar sich dann künftig das Votum der sechzehn Katalanen teuer erkaufen. Barcelona, Spaniens ökonomischer Kapitale, winkt nun auch politisch eine Zukunft als heimliche Hauptstadt.

Aznar, so wollten es die Wähler, wird seiner "großen Nation" keinen Wandel verschreiben können. Er darf nur verwalten, und das kann er. Seit Sonntag kursiert in Madrid das Wort von den "italienischen Verhältnissen". Derweil wagen politische Spekulanten neue Wetten: Sie setzen auf eine "griechische Lösung", hoffen auf einen "spanischen Papandreou", der sich nur kurz in der Opposition erholt und dann wiederkehrt auf den Olymp der Macht. Schließlich feierte Felipe González zwei Tage nach der Wahl erst seinen 54. Geburtstag.