Das neue Tomatenmark ist da. In 170 britischen Supermärkten stehen seit Anfang Februar die Dosen mit dem Aufdruck "Aus gentechnisch veränderten Tomaten hergestellt". Und die Verbraucher greifen zu. Der Erfolg der roten Paste sei überraschend, heißt es selbst beim amerikanischen Chemiekonzern Zeneca, der die Tomaten liefert und die Aktion organisiert hat. Von Woche zu Woche steige der Umsatz des neuen Produkts, obwohl die gleiche Dose mit traditionellem Mark daneben im Regal stehe.

Das Mark ist eines der ersten Produkte, die - aus gentechnisch veränderten Pflanzen gewonnen - auf den europäischen Markt kommen. Soja in tiefgefrorenen Buletten, Kürbis auf der Fertigpizza oder Popcorn aus verändertem Mais werden noch in diesem Jahr folgen, behauptet das European Food Information Council (Eufic), ein Lobbyist großer europäischer Lebensmittelhersteller.

Doch nicht alle diese Produkte werden wohl so gut gekennzeichnet sein wie das Tomatenmark, mit dem Zeneca seinen potentiellen Kunden, der europäischen Industrie, die Marktakzeptanz von Novel food beweisen will. Noch gibt es in der Europäischen Union für den Verkauf dieser Waren nämlich keinerlei Vorschriften. Mit Hilfe der sogenannten Freisetzungsrichtlinie aus dem Jahr 1990 reguliert die Europäische Union lediglich Anbau und Vermarktung gentechnisch veränderter, lebensfähiger Organismen. Danach dürfen alle lebenden Pflanzen nur nach behördlicher Zulassung im Freien gezogen werden. Bisher sind Tabak und Raps aus dem Genlabor europaweit zugelassen, über Soja will Brüssel in den nächsten Wochen entscheiden. Produkte aber, die aus den High-Tech-Pflanzen hergestellt werden, fallen nicht unter die Richtlinie. Deshalb können aus Amerika, wo immer mehr gentechnisch veränderte Pflanzen großflächig angebaut werden, Lebensmittel wie Tomatenmark oder Sojaöl nach Europa importiert werden, ohne extra gekennzeichnet oder von Brüssel gar genehmigt werden zu müssen. Nur einzelne Länder wie die Niederlande oder Großbritannien regeln den Verkauf von sogenanntem Novel food in nationalen Vorschriften. Die meisten Mitgliedsstaaten aber warten wie die Bundesrepublik darauf, daß die Europäische Union das Problem löst.

Und sie warten schon lange. Seit den achtziger Jahren überlegen die Europäer, wie sie mit den neuen Lebensmitteln umgehen sollen. 1992 legte die EU-Kommission erstmals einen Verordnungsentwurf vor, der Kriterien für die Prüfung und Zulassung von Novel food vorschrieb. Doch das Europäische Parlament forderte massive Änderungen zugunsten der Verbraucher. Die Volksvertreter verlangten unter anderem, alle Produkte aus gentechnisch veränderten Organismen deutlich und ausführlich zu kennzeichnen.

Der Kampf um die Kennzeichnung blockiert seitdem die ganze Verordnung. Während Europas Verbraucherschützer das Recht der Konsumenten auf Information einfordern, fürchtet die Industrie, mit einem Gen-Tech-Label auf der Packung das Image ihrer Produkte zu ruinieren. In Brüssel fanden vor allem die Lebensmittelhersteller Gehör. Der zuständige EU-Kommissar Martin Bangemann erklärte dazu ganz offen, man dürfe bei den europäischen Verbrauchern "nicht durch unnötige Angaben Verwirrung stiften". Im vergangenen Sommer einigte sich der EU-Ministerrat in einem "gemeinsamen Standpunkt" denn auch darauf, die Hersteller nur in Ausnahmefällen zur umfassenden Aufklärung zu verpflichten. Lebensmittel müssen demnach nur gekennzeichnet werden, wenn sie sich "wesentlich" in ihrer Zusammensetzung, ihrem Nährwert oder ihrer Verwendung von den gleichen gentechnikfreien Nahrungsmitteln unterscheiden. Hilfs- und Zusatzstoffe sollen von der Verordnung gar nicht erfaßt werden.

Nächsten Mittwoch werden die Parlamentarier über den Vorschlag abstimmen. Lehnen sie ihn ab, muß ein Vermittlungsausschuß gebildet werden; die Novel-food-Verordnung liegt weiter auf Eis. Akzeptieren sie ihn, kann die Verordnung im nächsten Frühjahr in allen Mitgliedsstaaten in Kraft treten. Dann müßte Novel food in Brüssel wenigstens angemeldet werden.

Die meisten Produkte, die in den nächsten Jahren auf den Markt kommen, müßten allerdings kaum gekennzeichnet werden. So streiten sich die Experten selbst darüber, ob die "FlavrSavr-Tomate" aus den Vereinigten Staaten, sollte sie denn nach Europa importiert werden, unter die Kennzeichnungspflicht fallen würde. Sie kann mit Hilfe der Gentechnik länger am Stock reifen, ohne im Laden gleich zu matschen. EU-Kommissar Bangemann zweifelt, ob diese Manipulation tatsächlich "wesentlich" sei.