Am 11. Januar dieses Jahres löschte der Teufel um eine Minute nach Mitternacht das Feuer aus, zog die Tür der Hölle hinter sich zu und verließ auf immer seinen angestammten Arbeitsplatz. Er wußte wohl schon seit dem 8. Januar, daß die anglikanische Kirche sich nach jahrelangen Beratungen dazu durchgerungen hatte, sich von ihm, einem ihrer ältesten und treusten Mitarbeiter, zu trennen. Aber die Presseabteilung hatte bis zum 11. eine Nachrichtensperre verhängt. Dann kam Reuters mit der Meldung auf den Draht: "Gute Neuigkeiten für Sünder. Die Hölle ist kein feuriger Pfuhl, in dem Teufel, Drachen und Schlangen hausen. Die schlechte Nachricht: Es gibt eine Hölle. Eine neue Kirchenlehre der Church of England erklärt, daß traditionelle Bilder von der Hölle als ewige Folter zwar verfehlt seien, jeder Mensch aber dennoch ein jüngstes Gericht gewärtigen müsse. Wer bei der Prüfung durchfällt, muß damit rechnen, in einen Zustand der Auslöschung oder des Nichtseins gestoßen zu werden."

Die guten Anglikaner! Sie wollen es immer jedem recht machen. Den Konservativen und den Liberalen, den Katholiken und den Protestanten, den Charismatikern und den Evangelikalen. Und dann kommt etwas heraus, mit dem sie bei allen anecken. Seit Jahren versucht die britische Regierung, der Kirche von England indirekt die Verfehlungen der eigenen Politik anzuhängen. Weil sie alles relativiere oder sogar gemeinsam mit den "Verbrecherliebchen" in der oppositionellen Labour-Partei die Schuld am Verfall der Sitten in sozialen Mißständen suche. Als ob das eine irgendetwas mit dem anderen zu tun habe! Ist es nicht Aufgabe der Kirche, dem Volk Moral einzubleuen? Jede kirchliche Äußerung wird in den konservativen Medien auseinandergeklaubt, als seien sie der Indikator gesellschaftlichen Verfalls.

Nichts außer dem Nichtsein ist der englischen Staatskirche - neben der Royal Mail einer der letzten Staatsbetriebe Großbritanniens - so zuwider wie ein Skandal. Sie ist in ziemlich desperatem Zustand. Immer mehr Gotteshäuser werden geschlossen. Der alte Reichtum schmilzt dahin. Der Klerus fristet ein Dasein in pathetischer Armut. George Carey, der 103. Erzbischof von Canterbury, reiste sogar zu - letztlich erfolglosen - Fusionsverhandlungen mit dem spirituellen Branchenführer nach Rom. 1989 setzte die Bischofssynode eine Lehrkommission ein mit dem Auftrag, das gesamte Unternehmen ideologisch zu überholen und das Produkt auf Vordermann zu bringen.

Mit dem Jein zum Jenseits gelang den Anglikanern endlich der große Wurf. Die Hölle als Strafanstalt zwar durch himmlischen Liebesentzug, die aber keine psychologischen Narben schlägt. Ob solch höllischer Sophisterei waren selbst die konservativen Kritiker sprachlos. In einem Aufwasch eliminierte die Church of England den zürnenden Gott, der den Liberalen ein Dorn im Auge war - und stellte gleichzeitig die angeblich verlorengegangene Grenze zwischen Gut und Böse wieder her. "Das jüngste Gericht", steht auf Seite 199 des umsichtig geschmiedeten Dokuments, "bleibt eine Realität. Moralische und spirituelle Entscheidungen sind endgültige und ernsthafte Entscheidungen. In der Vergangenheit diente die Bildhaftigkeit des Höllenfeuers und der ewigen Folter - oft in sadistischen Ausmalungen - dazu, Männer und Frauen in den Glauben zu ängstigen. Christen bekannten sich zu entsetzlichen Lehren, die aus Gott ein sadistisches Monster machten und vielen Menschen tiefe psychische Wunden zufügten. Wir sind dennoch davon überzeugt, daß eine reale Hölle - und, in der Tat, ein realer Himmel - die endgültige Bestätigung der menschlichen Willensfreiheit ist. Die Hölle ist nicht die ewige Qual, sondern die Konsequenz einer letzten und unwiderruflichen Entscheidung für den völligen und absoluten Gegensatz zu Gott, dessen einziges Ende das Nichtsein ist."

olch ein ohne jeden Aufwand an Folterknechten und Folterinstrumenten, energiesparend ohne Feuer betriebener Ort der Verdammnis ist gleichzeitig die gewagte Lösung eines uralten religionsphilosophischen Konflikts - des Dilemmas der Dualisten, welche den einen die Seligkeit, den übrigen aber die ewige Verdammnis zusprechen. "Denn wozu, könnte man fragen", schrieb Immanuel Kant in "Das Ende aller Zeit", "waren auch die wenigen, warum auch nur ein einziger geschaffen, wenn er nur dasein sollte, um ewig verworfen zu werden? Welches doch ärger ist als gar nicht sein."

Die meisten der erfolgsorientierten und erfolgreichen Privatkirchen Amerikas haben sich auf die Seite der Unitarier geschlagen, die allen Menschen letztlich die ewige Seligkeit zusprechen. Zum Beispiel die "First Church of Christ, Scientist" in Boston, Massachusetts. Ein weltweites Unternehmen, das mit einem der größten privaten Kurzwellensender Programme um den ganzen Globus ausstrahlt und den Christian Science Monitor, eine der respektiertesten amerikanischen Tageszeitungen, herausgibt. Die Bostoner Charismatiker haben den Teufel schon lange zum Teufel gejagt. Mary Baker Eddy, "Entdeckerin und Gründerin der christlichen Wissenschaft", radierte ihn vor über einem Jahrhundert, nämlich 1875, auf Seite 588 ihres Buchs der Bücher, "Science and Health with Key to the Scriptures", staccato aus der Theologie. "Die Hölle. Tödlicher Glaube; Irrtum; Begierde; Bereuen; Haß; Rache; Sünde; Krankheit; Tod; Leiden und Selbstzerstörung; selbstauferlegte Qual; Wirkung der Sünde; alles, was Verabscheuungswürdiges und Lügen hervorbringt." Das ist so gut wie alles, was sie zu dem Thema zu sagen hatte.

Pam Chance, die im schön benannten Elysium Gate (Tor zum Elysium) in London in der englischen Verlagsabteilung des in 63 Ländern der Welt vertretenen Religionsmultis arbeitet, erklärt, daß "unser Gott ein Gott der Liebe ist und unmöglich eine Hölle, solch einen Ort des Leidens, der Verzweiflung und Strafe" geschaffen haben könne. Der Himmel, ein Zustand spiritueller Harmonie, sei allgegenwärtig, steht im wöchentlich erscheinenden Organ der Kirche, dem Christian Science Sentinel. Deshalb sei die Hölle eine Illusion, ein Zustand im Bereich sterblichen Glaubens. "Wir sind überzeugt", sagt Pam Chance, "daß wir uns durch unsere Geisteshaltung, durch unser Benehmen und unser Denken selbst eine Hölle schaffen. Die Erlösung von derartigem Leid und von dieser selbstauferlegten Strafe kommt durch die Heilserfahrung."