Früh am Nachmittag. Der Knabe schläft. Und manchmal wacht er auf und denkt an die Blonde mit der traurigen Miene. Und dann erschrickt er ein wenig und denkt schnell einen schweren Gedanken. Denkt nach über Freiheit und Unfreiheit, über Wahrnehmung und Erinnerung. Aber die Blonde mit der traurigen Miene, Albertine, die blühenden Mädchen, Andreé, Gisèle, sie gehen dem Mittagsschläfer nicht aus dem Kopf, nicht aus dem Sinn. Und immer müssen wir an Albertine, Andreé, Gisèle denken, wenn wir irgendwo Jacqueline, Antoinette, Thérèse oder Georgette begegnen. Die "kleine Schar" des schläfrigen Wachers Marcel Proust, es ist die gleiche Prozession, an der auch der Malter Balthus als halluzinierender Beobachter teilgenommen hat.

Balthus. Der Vater, Erich Klossowski, auch Maler. Bonnard, schreibt Meier-Graefe, habe ihm geholfen, sich von Delacroix zu lösen, habe ihm Mut gegeben, sich einem Arkadien zu überlassen, "das der Deutsche in sich trug". Mit der Mutter Baladine hat sich Rilke angefreundet und hat dem Sohn Balthasar "einzigartiges Talent" bescheinigt. Als der Dichter die vierzig Zeichnungen sah, auf denen der Elfjährige einen Kindertraum mit seinem Kater Mitsou träumte, schrieb er ein angerührtes Vorwort. Später ist die Begabung nicht immer erkannt worden. In den Mainstream-Darstellungen der Kunst des 20. Jahrhunderts kommt der Name Balthus kaum einmal vor. Ausstellungen sind selten. Im Madrider Museum Reina Sofia ist jetzt mit rund fünfzig Bildern und fünfzig Aquarellen und Zeichnungen ein substantieller Werkquerschnitt zu sehen.

Georgette, das Balthus-Mädchen mit dem runden Babygesicht und den ersten Flaumhaaren an der Scham. Provozierend in ihrer Halbentwickeltheit stellt sich Georgette vor dem Maler bloß. Und der Maler malt sie so, als hielte er den begierigen Blick etwas gesenkt und schaute sie durch die Wimpern um so neugieriger an.

Der Maler und sein Modell. Der Erzähler und die Faszination am Strand. Als hielte er den begierigen Blick etwas gesenkt und schaute durch die Wimpern um so neugieriger hin, beschreibt Proust "die noch ganz amorphe, wiewohl bereits köstliche, jedenfalls noch ganz kindliche Masse kleiner Mädchen".

Für die älter gewordene, für die erwachsene Georgette hat sich der Maler nicht mehr interessiert. Frau Georgette ist in seiner Galerie nicht aufbewahrt. Als mißtraute Balthus der Reife. Wie er allen reifen Leistungen des Jahrhunderts mißtraut hat. Das Bild der noch ganz amorphen, wiewohl bereits köstlichen, jedenfalls noch ganz kindlichen Georgette stammt aus den Jahren 1948/49. Damals erging sich die zünftige Kunst in fortschrittlichen Tätigkeiten wie dem "Action-painting". Für die Georgettes war kein Platz in den Charts. Doch die Tagesgespräche des Kunstbetriebs haben den Maler allemal kaltgelassen.

1934, als der surrealistische Diktator Breton sein stalinistisches Tribunal gegen Dali veranstaltet, malt Balthus die "Gitarrenstunde". Die Protagonistinnen mit hochgeschobenen Röcken und geöffneten Blusen. Die Schülerin wie eine Pieta auf den Knien der Lehrerin. Eine Szene, die jedenfalls von der heftigen, erschütternden Wirkung der Musik Kunde tut. Drei Jahre später, Picasso ist mit "Guernica" beschäftigt, Balthus mit dem "Jupe blanche". Das hätte ein anständiges Jungmädchen-Portrait werden können, wenn nicht das mutwillig aufgeknöpfte Oberteil die Noblesse empfindlich stören würde. 1942: Im besetzten Paris huldigen die deutschen und die französischen Nazis den stahlgewittergestählten Helden des Arno Breker. In Balthus' "Salon" sind derweil die Mädchen in zartparfümierten Phantasien versunken. Als die Kunstwelt auf der 1. documenta ihr Wiedererwachen feiert, sieht Balthus seelenruhig Frédérique beim Einschlafen zu. Und noch in den sechziger Jahren, während unter Fluxus-Regie Konzertflügel zerstampft werden, fällt Balthus nichts Besseres als ein "Chambre turque" mit einer japanischen Venus ein. Und was wird der Maler gemalt haben, als Christo den Pont Neuf verpackt hat? Ein "Nu couché" hat er gemalt, was denn sonst.

Die Moden haben den Maler umspült wie die Wellen das Atoll. Der Maler hat gemalt, als habe er keinen Blick für draußen. Marcel Proust hat sich das Schreibzimmer mit Korkplatten versiegeln lassen. Balthus' Atelier scheint auch ohne Dämmstoffe hermetisch dicht. Wenn er doch mal aus dem Fenster sieht, dann sieht er Landschaften, die aussehen wie Kulissen für ein Stück mit jenen Mädchen, die Proust und ihm so köstlich scheinen. Oder er sieht auf die Straße, und da sehen die Leute aus wie Spielzeugfiguren, die bloß darauf warten, daß einer sie umsetzt, sie in eine andere Ordnung oder Unordnung bringt.