Japans Ureinwohner

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Japanische Ureinwohner mit vier Buchstaben: Kreuzworträtselfans sind die Ainu geläufig. Doch was für ein Volk sich hinter dem Namen verbirgt, ist hier nahezu unbekannt. Zumal die Ainu-Kultur inzwischen untergegangen ist. Selbst in den dreißiger Jahren fanden die französischen Ethnologen Arlette und André Leroi-Gourhan nur noch wenige intakte Ainu-Gemeinschaften vor. Ihre Forschungsergebnisse konnten sie damals nicht veröffentlichen, weil Frankreich und Japan zu Kriegsgegnern wurden. So erschien ihr Buch "Eine Reise zu den Ainu", das jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegt (aus dem Französischen von Eva Moldenhauer, Amman Verlag, Zürich; 176 S., 42 Mark), mit fünfzig Jahren Verspätung.

Bis heute konnte nicht endgültig geklärt werden, wie die Ainu nach Japan kamen. Anders als die asiatischen Völker ringsum sind sie sehr behaart und tragen lange Bärte. Auch haben sie nicht die mongolisch geprägten Augen der Japaner und ihrer Nachbarn, sondern slawisch wirkende ohne Lidfalte. Sie sähen aus wie russische Bauern, meint Arlette Leroi-Gourhan und führt die These aus, daß sie einst aus Sibirien zugewandert seien. Dabei stützt sie sich auf neuere wissenschaftliche Erkenntnisse, während der Großteil des Buchs aus der Perspektive von 1938 geschrieben ist.

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Bevor die heutigen Japaner vor rund 3000 Jahren einwanderten, bevölkerten die Ainu mehrere Inseln. Doch in den vergangenen Jahrzehnten waren sie nur noch rund um Sapporo auf Hokkaido anzutreffen, der nördlichsten der japanischen Hauptinseln. Sie lebten als Jäger, Fischer und Sammler; Ackerbau und Viehzucht waren ihnen fremd. Als die Japaner Ende des 19. Jahrhunderts auch auf Hokkaido die landwirtschaftliche Nutzung der Flächen und den industriellen Fischfang einführten, verloren die Ainu ihren Lebensraum. Sie mußten die Lebensweise der Japaner annehmen, mit denen sie sich inzwischen vermischt haben.

Die traditionelle Ainu-Kultur, der die beiden Forscher 1938 in einigen entlegenen Dörfern noch begegneten, dokumentieren Arlette und André Leroi-Gourhan in ihrem Buch mit zahlreichen Schwarzweißphotos. Man sieht gebährende Frauen im Kreise ihrer Freundinnen, Frauen beim Tanz und solche mit der typischen Tätowierung um den Mund, die wie ein großer Schnurrbart wirkt; Männer sind abgebildet, die beim rituellen Sake-Trinken den Schnurrbartheber benutzen, mit Pfeil und Bogen jagen oder im Einbaumkanu fischen. Ebenso gezeigt werden die Dörfer mit ihren Schilfhütten, die geometrisch bemusterten Trachten und die Schnitzkunst.

Auch den Bärenkult, der für die Ainu eine zentrale Rolle spielte, halten die Photos fest. Die mächtigen Tiere wurden einerseits gejagt, andererseits aber als heilig verehrt. Wenn sie Muttertiere erlegten, nahmen die Jäger die Jungen mit in ihr Dorf - wo sie von einer Ainufrau gesäugt wurden und im Kreis der Familie aufwuchsen. Großgeworden, mußten sie in den stets vorhandenen Bärenkäfig des Dorfs umziehen, und schließlich tötete man sie in einer feierlichen Zeremonie.

Arlette Leroi-Gourhan beschreibt diese erstaunlichen Bräuche in schlichten Worten. Der Text lebt nicht von der Form, sondern von den Inhalten. Er befriedigt die Neugier, die durch die faszinierenden Bilder und nicht zuletzt durch die abgebildeten japanischen Feder- und Tuschezeichnungen vom Leben der Ureinwohner geweckt wird. So ist das Buch der beiden französischen Wissenschaftler auch für den Laien spannend, der in die untergegangene Welt der Ainu eintauchen möchte.

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