Eigentlich sollten Amerikas Vorwahlen um den republikanischen Präsidentschaftskandidaten längst einen chancenreichen Herausforderer für den Demokraten Bill Clinton produziert haben. Aber auch drei Wochen nach dem ersten Wahlgang im Bundesstaat New Hampshire herrscht bei den Republikanern Familienkrach. Zwischen den konservativen Aspiranten für den Einzug ins Weiße Haus ist ein wahres Schlachtfest um Ideologie und Identität ihrer Partei entbrannt. Der Streit hat tiefe Gräben aufgerissen und wird bis zu den eigentlichen Präsidentenwahlen im November nachbeben.

"Die Republikaner haben den Verstand verloren", befand der konservative Kolumnist Charles Krauthammer in der vergangenen Woche im Magazin Time. "Dole, Forbes und Buchanan reden kaum noch über Gemeinsamkeiten", kritisiert auch Steven Moore, ein einflußreicher Ökonom am libertären Cato-Institut in Washington. Kaum achtzehn Monate nach ihrem durchschlagenden Sieg bei den Wahlen zum Senat und zum Abgeordnetenhaus fürchtet Amerikas Rechte, daß die lange erfolgreiche "Reagan-Koalition" aus sozial, kulturell und wirtschaftspolitisch konservativen Wählern auseinanderbricht.

Schon der wachsende Einfluß fundamentalistischer Christen und ihre lärmende Forderung nach einem Verbot der Abtreibung und der Rückkehr zu traditionell-reaktionären Werten droht die Partei zu spalten. Ebenso folgenreich ist aber auch das republikanische Schisma über die rechte Wirtschaftspolitik. Mindestens vier Fraktionen kämpfen um Geltung: ¨ Angebotsökonomen und Anhänger der Reaganomics gruppieren sich um ihren neuen Heroen Steven Forbes. Ihnen geht es vor allem um sinkende Steuern; daß damit das Etatdefizit weiter steigen würde, interessiert sie kaum. "Sich allein auf das Minus im Haushalt zu konzentrieren, führt zum Desaster", meinte Forbes vor kurzem in einer Wahldebatte.

¨ Protektionisten und Isolationisten folgen dem Rechtsaußen Pat Buchanan. Mit ihrem Verlangen nach hohen Zollschranken, ihrem Ruf nach einem Ende der Einwanderung und ihrer Kritik an dem Geschäftsgebaren von Großindustrie und Wall Street wenden sie sich gegen mehrere konservative Heilslehren gleichzeitig - darunter vor allem das Dogma, daß der freie Markt das beste und einzig wirksame gesellschaftliche und ökonomische Regulativ ist.

¨ Fiskalpolitisch konservative Pragmatiker hängen überwiegend Bob Dole an, dem Kandidaten des republikanischen Establishments. Im Zentrum seines ökonomischen Programms steht die Forderung, das Haushaltsdefizit auf Null zu bringen. "Wir brauchen einen Verfassungszusatz, der den Etatausgleich vorschreibt", sagte Dole vergangene Woche.

¨ Dem 72 Jahre alten Senator am nächsten ist der zur Zeit kaum noch beachtete Newt Gingrich, der Sprecher der Republikaner im Repräsentantenhaus. Auch er hat den Ausgleich des Budgets - und damit verbunden einen radikalen Staatsabbau sowie die Reform der Sozialprogramme - zum wichtigsten Ziel republikanischer Wirtschaftspolitik erklärt.

Gingrichs "Vertrag mit Amerika", der den Republikanern noch im November 1994 dabei half, die Mehrheit im Kongreß zu erobern, spielt bei den Präsidentschaftskandidaten der Partei allerdings keine Rolle mehr. Die ökonomische Debatte wird weder von ihm noch von Dole, sondern von den Außenseitern Buchanan und Forbes bestimmt.