BIELEFELD. - Nach geltendem Recht werden Jugendliche von Werbung und Kreditwirtschaft wie selbständige Kunden angesprochen. Mit vierzehn Jahren erreichen sie, so steht es im Grundgesetz, ihre Religionsmündigkeit. Sie können die Zugehörigkeit zu einer Kirchengemeinde unabhängig von den Eltern bestimmen. Von diesem Alter an sind sie auch - im Rahmen der flexiblen Vorschriften des Jugendgerichtsgesetzes - strafmündig. Für ihre Schulausbildung sind sie ohnehin voll verantwortlich. Erst mit achtzehn Jahren aber erreichen Jugendliche die "Volljährigkeit", daran sind das aktive und passive Wahlrecht gekoppelt. Bis zu diesem Zeitpunkt werden sie im parlamentarischen System als nicht existent behandelt. Auch das steht im Grundgesetz.

Die Trennung der Bevölkerung in einen wahlberechtigten und einen nichtwahlberechtigten Teil muß in einer Demokratie sorgfältig begründet werden. Heute schließen wir außer den sieben Millionen "Ausländern" und einigen wenigen "Entmündigten" fünfzehn Millionen Deutsche unter achtzehn Jahren vom Wahlrecht aus. Die gängige Begründung ist, sie hätten nicht die "Reife", um dieses wichtige Bürgerrecht auszuüben. Eine konsequente demokratische Verfassung muß aber von der Idee ausgehen, daß jeder Mensch eine Stimme hat. Abweichungen von diesem Grundsatz bedürfen deshalb zumindest einer Rechtfertigung.

Meiner Ansicht nach sind die bisherigen Argumente für die Festlegung eines "Sperralters" von achtzehn Jahren heute nicht länger stichhaltig. Jugendliche sind heute selbständiger als früher. Sie müssen sich - vermittelt über die Massenmedien - mit allen wichtigen gesellschaftlichen und politischen Fragen auseinandersetzen. Ob wir diese Entwicklung nun unter pädagogischen Gesichtspunkten begrüßen oder nicht - Tatsache ist: Jugendliche sind heute in ihrem Lebensalltag wie Erwachsene gefordert, ihren eigenen Weg zu finden. Aus welchem Grund sollte ihnen die politische Partizipation, die sich besonders im Bürgerrecht auf Wahl ausdrückt, vorenthalten werden?

Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes kommt Kindern ab der Geburt der volle Gehalt der Grundrechte zu. Deshalb ist es nicht nachzuvollziehen, daß in Artikel 38 des Grundgesetzes das aktive und passive Wahlrecht von der Vollendung des achtzehnten Lebensjahres abhängig gemacht werden. Anfang der siebziger Jahre war diese Altersgrenze schon einmal geändert worden; sie lag vorher bei 21 Jahren. Nach Artikel 20 geht alle Staatsgewalt vom Volke aus und wird von ihm in Wahlen ausgeübt. Nach Artikel 38 aber wird genau der Teil des Staatsvolkes von der Wahl ausgeschlossen, der ein besonderes Interesse an der Umsetzung langfristiger politischer Perspektiven hat: die junge Generation. Wahlen werden immer stärker, wie Graf Lambsdorff vor einigen Jahren scharfsichtig erkannte, "in den Altersheimen entschieden". Ein eigentümlicher Generationsvertrag!

Die kognitive Entwicklungsforschung zeigt, daß in der Altersspanne zwischen zwölf und vierzehn Jahren ein intellektueller Entwicklungsschub stattfindet. Er befähigt Jugendliche dazu, abstrakt, hypothetisch und logisch zu denken. Parallel hierzu steigt in dieser Altersspanne auch die Fähigkeit, sozial, moralisch und politisch zu denken und entsprechende Urteile abzugeben. Wollen wir von einer "Reife" der Urteilsfähigkeit - nicht der gesamten Persönlichkeit - sprechen, dann ist sie in diesem Alter gegeben.

Aus diesen Überlegungen heraus spricht vieles dafür, das Wahlrecht auf ein Alter von zwölf bis vierzehn Jahren abzusenken. Auch Untersuchungsergebnisse, die wir über politische Interessen von Jugendlichen haben, sprechen für einen solchen Schritt. Jugendliche erweisen sich - allen Vorurteilen der Älteren zum Trotz - als politisch durchaus interessiert und informiert. Auffällig ist, daß es immer häufiger Schülerinnen und Schüler sind, die sich spontan, unkonventionell, oft auch gefühlsbetont zu vielen politischen Themen äußern. Es sind nicht mehr so sehr die Studierenden, die noch in den sechziger Jahren die Rolle der unabhängigen Barometer für unser politisches System übernahmen. Die sind heute viel zu stark mit dem Aufbau ihrer eigenen Berufslaufbahn und der Sicherung ihres Lebensunterhalts im Studium beschäftigt.

Mädchen sind in dieser Rolle noch sensibler als Jungen. Ihr politisches Sachinteresse ist zwar meist niedriger als das der Jungen, ihre emotionale Beteiligung an politischen Themen aber ist höher. Politiker machen es sich zu einfach, wenn sie diese gefühlsbetonte Herangehensweise als "unpolitisch" abwerten. Jugendliche wollen, daß Politik nicht nur allein mit dem Kopf, sondern auch mit Seele und Gefühl gemacht wird. Lassen wir sie endlich an die Wahlurnen!