Wann immer Wichtiges zu entscheiden ist, werden die Bürger der Schweiz zu den Urnen gerufen - und mitunter auch dann, wenn über ganz besonders Wichtiges abzustimmen ist. Zum Beispiel darüber: "Wollen Sie den Bundesbeschluß vom 21. Dezember 1995 über den Übertritt der bernischen Gemeinde Vellerat zum Kanton Jura annehmen?" Vellerat? Nie gehört? 71 Einwohner, 205 Hektar Boden, gelegen auf einer lieblichen jurassischen Hügelterrasse, 666 Meter über dem Meer. 4 600 000 Eidgenossen sollen am kommenden Wochenende über das Schicksal der 71 Seelen befinden. Wer Ohren hat zu hören, der hört, wie zwischen Boden- und Genfersee leidenschaftliche Debatten toben. Es rumort in Helvetien.

Immerhin treibt der Fall das Land seit bald einem Vierteljahrhundert um. In den siebziger Jahren, als sich unter heftigen Wehen der Kanton Jura vom Kanton Bern ablöste, beließ die Geschichte das Zwergdorf auf der falschen Seite der neuen Kantonsgrenze. Und wie von einem gallischen Dorf nicht anders zu erwarten, fand man sich in Vellerat damit nicht ab. Angeführt vom lokalen Asterix, dem Gemeindepräsidenten und Dorfschullehrer (vier Schüler!) Pierre-André Comte, nahmen die Bürger den Kampf auf.

So rot der Schnurrbart von Monsieur Comte, so feurig die Glut in seiner Seele. Mit Leidenschaft spielte der Dorfbürgermeister den wehrhaften Unterdrückten: Seit tausend Jahren sei der Jura ein Staat, fühlten sich seine Bewohner als "ein Volk". Auf dem Ortsschild deklarierten sich die Vellerater kühn als "commune libre", Beiträge zum Gemeindeverband des bernischen Südjura verweigerten sie, kantonalbernische Volksabstimmungen boykottierten sie. So viel Aufmüpfigkeit hat die Welt seit der Schlacht bei Morgarten 1315 von Eidgenossen nicht mehr erfahren.

In einen solchen Hort der Unruhe trauten sich Berner Beamte nur noch selten. Dafür schnaufen Fernseh- und Presseleute aus aller Welt das kurvenreiche Sträßchen ins entlegene Vellerat hinauf, wo sie ihr Front-Hauptquartier in der behaglichen Dorfkneipe "Le Coq d'Or" einrichten und auf Kampfhandlungen warten. Die fünfzehn einsamen Häuser, die bellenden Hunde und die Milchkannen gruppieren sich zu einer trügerisch friedlichen Szenerie für ganz große Krisenpolitik. Der Nabel der Schweiz ist seither am Ende der Welt.

Allein, nun soll alles anders werden. Alles wieder gut und vor allem ruhig. Wie die Palästinenser werden nach aller Voraussicht am kommenden Sonntag nun auch die Vellerater ihre Freiheit erlangen und, ähnlich den Deutschen, eine Art Wiedervereinigung feiern. Allerdings haben die Schweizer, vorsichtig, wie sie sind, dafür Sorge getragen, daß das Beispiel nicht Schule macht: Für Vellerat wurde ein Ausnahmegesetz geschaffen. Wo führte es hin, wenn demnächst, sagen wir, die Stadt Zürich zum Kanton Zug wechseln wollte? Oder Abländschen zu Appenzell-Innerrhoden? Und Ascona konsequenterweise gleich zu Deutschland, Gstaad zu Großbritannien? "Da könnte ja jeder kommen", wird in der Schweiz (und nicht nur hier) allzu großer Veränderungseifer gedämpft.

Leider wird auch nach der glücklichen Entschärfung der Vellerat-Krise ein akutes Problem bleiben, nämlich: Wird der bislang von den verhaßten bernischen "Vögten" besoldete Schulmeister Comte eine neue Lehrerstelle in seinem heißgeliebten Kanton Jura finden?