Radiosender spielten den kroatischen Popsong "Danke Deutschland", die Zagreber Behörden benannten Straßen nach der "Bundesrepublik Deutschland", und die Bewohner der Hauptstadt gingen zum Plaudern ins "Café Bonn". Die Zeitungen waren den Deutschen freundlich gesinnt. Doch vor drei Wochen zerrissen schrille Töne die scheinbar harmonische Stimmung: Die von der Regierung kontrollierte Zeitung Vjesnik warf deutschen Medien vor, "eine antikroatische Hysterie" zu inszenieren, und der ebenfalls offiziöse Vecernji List zieh Außenminister Klaus Kinkel der "unbedachten Arroganz" gegenüber dem kroatischen Präsidenten Tudjman. In Zagreb ist man, so läßt ein Mitarbeiter des kroatischen Außenministeriums wissen, "entnervt durch die ewigen deutschen Ermahnungen". Nur ein Mißverständnis unter guten Freunden?

Auch die Deutschen sind verschnupft. In Bonn erschrak man über den Mordversuch des von oben aufgehetzten kroatischen Mobs am EU-Administrator in Mostar. Nach mehreren kroatischen Anschlägen hat Hans Koschnick vorige Woche seinen Rücktritt erklärt. Der Einfluß der extremistischen Herzegowiner in der Zagreber Regierung scheint so stark zu sein wie seit dem muslimisch-kroatischen Krieg nicht mehr. In den ehemals serbischen Siedlungen in der Krajina mißachtet Zagreb systematisch die Menschenrechte. Kroatien zeigt derzeit sein häßliches Gesicht.

Dabei erschien das Land den Deutschen vor fünf Jahren noch wie die Unschuld vom Balkan. Das Streben der damals jugoslawischen Teilrepubliken Slowenien und Kroatien nach Unabhängigkeit von Belgrad stieß in Deutschland auf Sympathie. Der Balkankrieg war noch nicht ausgebrochen, da stellte im Mai 1991 ein Mitarbeiter von Außenminister Hans-Dietrich Genscher in einer Analyse fest: "Slowenen und Kroaten sind es leid, Zahlmeister für einen stagnierenden und perspektivlosen Wirtschaftsverbund zu sein. Es geht vor allem um einen Kampf der Marktwirtschaft gegen zentralistische Kommandowirtschaft, von demokratischem Pluralismus gegen Einparteienherrschaft, von Rechtsstaatlichkeit gegen militärische

Repression." Der Gegner hieß Belgrad, hieß Präsident Slobodan Milosevic. Das Papier empfahl eine Abkehr von der Brüsseler Status-quo-Politik: "Wir sollten uns deshalb Veränderungen der heute bestehenden Grenzen im östlichen Europa nicht kategorisch entgegenstellen." Diese Ansicht teilten viele deutsche Diplomaten nicht, aber Politiker drängten in dieselbe Richtung. Noch bevor die jugoslawische Bundesarmee Vukovar eingekesselt, noch bevor die Serben Dubrovnik angegriffen hatten, plädierten Bundestagsabgeordnete aller Fraktionen schon für die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens. Wohin das führen sollte, war manchem wohl selbst nicht klar. "Selbstbestimmung" hieß das Zauberwort der Stunde. Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Norbert Gansel forderte am 23. Mai 1991 nach einer Reise durch Jugoslawien, "die Ausübung des Selbstbestimmungsrechts in den Fällen zu ermöglichen, in denen es eingefordert wird.

Die Gefahr gewaltsamer Auseinandersetzungen verringert sich entsprechend", prophezeite Gansel. Slowenien solle anerkannt werden und auch Kroatien, sofern es den auf seinem Territorium lebenden Serben Autonomie einräume. Gansel fand für sein Anliegen Bundesgenossen in den Reihen der CDU und vor allem der CSU. Warnungen einzelner Abgeordneter wie Hans Koschnick, an die jugoslawische Gemengelage nur mit äußerster Vorsicht heranzugehen, übertönte der Chor der politischen Aktivisten. Das revolutionäre Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker erschien den Strategen im Bundestag als Allheilmittel, um Konflikte in Osteuropa zu verhüten.

Der zögernde Hans-Dietrich Genscher wurde auf der Sitzung des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages am 1. Juli 1991 von einer großen Koalition in die Enge getrieben: "Die seit Anfang des Jahres erhobene Forderung nach Anerkennung kulminierte in der Sitzung", erinnert sich ein Teilnehmer. "SPD und Union griffen Genscher an. In der Mitte saß das Häuflein der FDP, die die EG-Linie des Nichteingreifens vertrat. Genscher saß da und sagte kein Wort."

Aber Wirkung zeigten die Attacken schon. Genscher, der Parteitaktiker, scheute davor zurück, in einer zentralen außenpolitischen Frage den beiden großen Parteien Paroli zu bieten. Als er einen Tag später zu einer Reise nach Jugoslawien aufbrach, "redete er nur über Selbstbestimmung", sagt ein Begleiter. Am 5. Juli 1991, auf einem Treffen der EG-Außenminister in Den Haag, forderte Genscher noch erfolglos, Serbien mit der Anerkennung Sloweniens zu drohen und das Selbstbestimmungsrecht der Völker in die Gemeinsame Erklärung aufzunehmen. Die deutsche Politik hatte bereits zu Beginn des Krieges eine klare Richtung eingeschlagen.