Es gibt wohl in jeder Literaturperiode (zumindest) zwei Literaturen, die nebeneinander - oft: gegeneinander - existieren; die eine hart, metallisch gelegentlich, avanciert und gern "modern" genannt und die andere, die ich schwingend, ausschweifend gar, kristallinisch nennen möchte. Sie heißt wohl traditionell. So steht dann Kleist neben (gegen?) Goethe, so schreibt Bertolt Brecht zur selben Zeit wie Hans Henny Jahnn - und so entstand, knapp nach Virginia Woolfs "Zum Leuchtturm" und beendet im selben Jahr (1931), in dem ihr scharf ausziseliertes Meisterwerk "Die Wellen" erschien, dieses alraunhafte "Dschungel-Buch" von John Cowper Powys: "Möge ich inspiriert werden von allen Geistern aller Berge und aller Steine, von jenen auf allen Berghängen und allen Ebenen" trug der 57jährige in sein Tagebuch ein, als er Ostern 1930 seinen Monumentalroman begann (den er anderthalb Jahre später, einen Tag nach seinem 59. Geburtstag, beendet).

Ein Wunderwerk der modernen Prosa war geboren - ganz "unmodern"; denn oft zuckt man zusammen während der Lektüre, wenn Wörter wie "Telephon", "Auto" oder "Flugzeug" Schrapnellen gleich den Zauberteppich zerschießen: Wie kommt der Kommunismus ins Märchen, fragt man sich fast verärgert. Und muß sich mühsam, gleichsam von einem Kulturwecker aufgestört, klarmachen, daß im Jahr des Entstehens Gorkij in die Sowjetunion zurückkehrte, Musils "Mann ohne Eigenschaften" erschienen ist, "Der blaue Engel" mit Marlenes Beinen die Kinowelt verführte oder Friedrich Wolf seine "Matrosen von Cattaro" in die Revolutionsschlacht schickte.

Die artistische Rigorosität des walisischen Romanciers - zuvor war er "als eine Art Einmannzirkus", wie sein kluger Interpret Elmar Schenkel das nennt, mit Vorträgen durch die USA getingelt - hat einen vollkommen eigenen Kosmos erschaffen; vollkommen im doppelten Sinne des Wortes: eigenständig und perfekt. Die Anekdote ist bekannt, derzufolge in den dreißiger Jahren ein Musikliebhaber nach der "Götterdämmerung" das Festspielhaus auf dem Bayreuther Hügel verläßt und fragt: "Is Roosevelt still president?" Ist Molotow noch Vorsitzender des Rates der Volkskommissare der UdSSR und der Herr Frick wirklich schon der erste nationalsozialistische Minister (in Thüringen), hätte sich ein zeitgenössischer Leser also fragen müssen. So unzeitgenössisch ist der 1229-Seiten-Roman, seine eigene Zeit gebend und messend. Uhrmacher Powys hat ein phantastisches Räderwerk montiert und in Gang gesetzt, dessen Maß wie Unmaß nur er reguliert. Zeit und Geist - das ja; Zeitgeist nie.

Daher das raunende Wort "Romance", schwebend zwischen Roman und Sage; denn wir werden in jenes Glastonbury geführt, in das Powys schon in seinem früheren Roman "Wolf Solent" die Artussage verlegt hatte, das tatsächlich einer der berühmtesten Wallfahrtsorte des Mittelalters war und wo unweit davon in dem Ort Montacute sein Vater Pfarrer gewesen war (im benachbarten Dorf East Coker, von ihm in den "Four Quartets" besungen, liegt T. S. Eliot begraben).

Was einmal "Ritterromanze" hieß, paraphrasiert John Cowper Powys, indem er alle Elemente der alten Sagenwelt - ob heidnischer Gral oder christliche Frömmigkeit - durcheinanderwirbelt mit den Bestandteilen der säkularisiert-avancierten modernen Literaturtechniken: Laszivität und Komik, Familientragödie und Inzest, Gläubigkeit und Ehebruch. Das Buch ist so grotesk wie weihevoll, so bösartig wie freundlich, so überbordend wie haargenau kalkuliert: ist Predigt, Chorgesang, Klage und Mummenschanz in einem. In seiner Mischung aus pathetischem Ernst und grinsender Karikatur ist es ehestens der Arbeit von Hans Henny Jahnn vergleichbar. Auch in seiner hochsonderbaren Erotik, Horrorschauder und faszinierte Lust zugleich. Einige Passagen aus Powys' "Autobiography" lesen sich wie aus dem Englischen übersetzter Jahnn: "Ohne Frage war mein vorherrschendes Laster, von frühester Kindheit an bis heute, das gefährlichste von allen. Ich spreche von Sadismus. Diese Neigung machte sich so früh bemerkbar, daß ich mich nicht an eine Zeit erinnern kann, zu der sadistische Gedanken und Bilder mich nicht beunruhigt und berauscht haben. . . . Vollkommen überwunden habe ich es erst - der Zeitpunkt ist mir ganz klar in Erinnerung geblieben - in meinem fünfzigsten Lebensjahr."

Zu meiner Verblüffung habe ich jetzt in dem vorzüglich inszenierten Akzente-Heft mit Materialien zu John Cowper Powys seine Briefe an Henry Miller entdeckt (dem ich die Bekanntschaft mit Powys vor mehr als dreißig Jahren verdanke); die radikalen Selbstportraits darin sind wichtig zum Verständnis seines Romanwerks, etwa wenn Powys sich beschreibt: "Ein weiterer Unterschied zwischen uns ist meine Altjüngferlichkeit. (Es ist ein Wunder, daß es mir überhaupt je gelang, einen Sohn zu zeugen, und es ist nur natürlich, daß er ein römisch-katholischer Priester geworden ist.) Denn all meine instinktiven sexuellen Laster, mein angeborener Sadismus und Masochismus und meine spirituelle und mentale Homosexualität (die eine verrückte Art von zweimal umgedrehtem Lesbischsein ist, wenn ich sie recht betrachte) - all diese Laster könnten durchaus auch die einer extrem mäkeligen alten Jungfer sein, die angesichts jener drei unanständigen Wörter zittert, deren Verwendung in Deinen bekanntesten Werken unsere Obrigkeit verbietet. In der Tat war ich mein ganzes Leben lang wirklich genau jene alte Jungfer mit ihren intensiv konzentrierten, extra-super-voyeuristischen und nur im Kopf stattfindenden bösartigen, einsamen, oh ja, absolut einsamen Orgien des besessenen Geistes. . . . Ich habe, während mein Sexualtrieb alles andere als unterentwickelt ist, eine angeborene Abneigung sowohl gegen die männlichen als auch gegen die weiblichen Fortpflanzungsorgane."

Der Naturhymniker, der Distanz zum Natürlichen als sein oberstes Lebensgesetz sieht, und der Voyeur, der nur dem Blitzen seines Fernglases die Lichtsplitter verdankt, mit denen er seine Figuren und Landschaften und die Gesellschaft illuminiert: John Cowper Powys ist ein Sproß der Baudelaire und Pessoa, Rimbaud und Proust, E. T. A. Hoffmann und Flaubert. Die geradezu orgiastische ästhetische Apparatur seiner Romanze wird in Gang gesetzt von einem, der von allem Geschilderten ein Teil ist, aber an nichts teilhat. Daher die wundersame Balance aus inbrünstiger Wahrheitssuche und Distanz per Ironie. Als junger Mann hatte er Nietzsches Bibliothek in Weimar besucht und notiert: "Es gab, wie ich mich erinnere, unter diesen Büchern auch einen ganz bestimmten modernen französischen Idealisten, einen Autor, von dem ich noch nie gehört hatte; doch gegen irgendeine seiner wortgewaltigen Passagen zum Lobe des ,resoluten Strebens nach der höheren Wahrheit` hatte Nietzsche mit Bleistift mehrfach das Wort ,vergeblich` an den Rand geschrieben."