Scheidung auf wienerisch

Nicht nur beim Aufbau, sondern auch beim Abbau von Imperien bevorzugen Österreicher seit jeher subtile Methoden. Andere mögen gemeinsam untergehen - felix Austria läßt sich einfach scheiden. Während die Pleite des Wiener Bauunternehmers Alexander Maculan in Ostdeutschland mindestens zwei Drittel der noch gut 4000 Arbeitsplätze kosten dürfte, wird nun am Stammsitz des Konzerns im Nachbarland seelenruhig saniert. Aus dem österreichischen Stamm des verzweigten Firmenreiches hatte bis zum Anfang der Woche nur eine Maculan-Firma Konkurs angemeldet. Sie hatte keinen einzigen Mitarbeiter.

Ende Februar zogen sich die österreichischen Gläubigerbanken des Baukonzerns aus einem gemeinsamen Sanierungskonzept für das Gesamtunternehmen überraschend zurück - zum Entsetzen der deutschen Finanzkollegen, die nach ersten Fortschritten auf das Überleben von Maculan hofften und in einem Beratergutachten darin Bestätigung fanden. Mehr als drei Monate hatten sich die Verhandlungen über Garantien und Sicherungen hingezogen. Als die Österreicher dann über das schon unterschriebene Konzept noch nachverhandeln wollten, gaben die Deutschen entnervt auf. Während die deutschen Maculan-Ableger nun zum Konkursrichter müssen, bleibt die Stammfirma in Wien erhalten - mit Zusagen der ehedem so störrischen Banken, auch die ausstehenden Löhne und Gehälter schon einmal vorzufinanzieren. Bei den in Deutschland aufgelaufenen Schulden, rund einer Milliarde Mark, sind die österreichischen Institute seit ihrem Rückzug fast ganz aus dem Schneider: "Die Kreise", formuliert ein Wiener Banker treffend, "sind jetzt völlig getrennt."

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Jede der sieben Maculan-Firmen in den neuen Bundesländern, die zusammen fast doppelt so viele Mitarbeiter beschäftigen wie das Stammhaus in Österreich, muß jetzt sehen, wie sie klarkommt. In Sachsen-Anhalt will die Landesregierung eine Auffanggesellschaft für die Industriebau Magdeburg GmbH gründen, die als größte Verlustquelle der Holding gilt. Der IHB Ingenieurhochbau Berlin Dresden, gegen die schon die Zwangsvollstreckung läuft, werden trotzdem gute Überlebenschancen eingeräumt. Die Tb Berliner Tief- und Verkehrsbau ist dem Pleitestrudel schon entkommen: Er habe die profitable Firma im Herbst finanziell vom Konzern abgeschottet, sagt Geschäftsführer Wilfried Grimm. Trotz dieser Hoffnungsschimmer sind die Folgen insgesamt verheerend: An jedem Bau-Arbeitsplatz hängen zwei weitere Jobs in der Zulieferindustrie. Rolf Steinmann vom Vorstand der Industriegewerkschaft Bau, Agrar, Umwelt fürchtet einen Dominoeffekt: Als das Scheitern der Sanierungsbemühungen bei Maculan bekannt wurde, seien vier Firmen mit je 500 bis 700 Beschäftigten ebenfalls in erhebliche Schwierigkeiten geraten.

"Es drängt sich der Verdacht auf", meint Hans-Jürgen Güntzel, der Vorsitzende des deutschen Betriebsrats, "als hätten die Banken den deutschen Zweig geopfert, um den österreichischen zu erhalten." Harte Worte, doch auch in Wien streitet das niemand ernsthaft ab; man hält es vielmehr für selbstverständlich. "Die Verluste wurden schließlich in Deutschland gemacht", sagt der Vertreter einer der Gläubigerbanken, "und für die deutschen Geschäfte haften eben die deutschen Banken."

Gedacht war das einmal anders: Der heute 54jährige Alexander Maculan, Familienunternehmer in der zweiten Generation, Sohn einer Berlinerin und eine feste Größe der Wiener Gesellschaft, kaufte nach der Wende 1989 von der Treuhand eine Bau- und Baustofffirma nach der anderen. Neben Ostdeutschland engagierte sich der ehrgeizige Unternehmer auch in Rußland und in der Slowakei und drang so in die Spitzengruppe der österreichischen Baukonzerne ein. In Deutschland wurde der rasante Frühstart Maculan aber zum Verhängnis. "Das Management hielt nicht mit", meint ein Insider der Baubranche: "Altgediente Baustellenleiter, die früher vielleicht fünfzig Arbeiter dirigierten, wurden über Nacht zu Herren über ganze Konzernteile mit über tausend Mitarbeitern." Auch der Treuhand wird ein Gutteil Schuld zugewiesen: Sie habe aus Bequemlichkeit dem längst überforderten Österreicher immer mehr Firmen abgetreten. Zuletzt kam wohl auch noch Schlamperei am Bau dazu: Es gab etliche Mängelrügen, und die Auftraggeber überwiesen ihre Raten nicht mehr.

Wichtiger noch, wie IG-Bau-Vorstand Steinmann meint: Die Banken des Nachbarlandes hätten eine "rigorose Marktbereinigung" durchsetzen wollen. Die österreichische Bauwirtschaft stehe vor einer "immensen Umstrukturierung" und einer größeren Pleitewelle: "Überall in Westeuropa macht der Bausektor heute 5,5 bis 6 Prozent des Bruttosozialprodukts aus. Nur in Österreich sind es noch knapp 8 Prozent", meint der Kärntner Erwin Soravia, Vorstandschef der Bau Holding, des größten bankunabhängigen Baukonzerns in Österreich, und prophezeit dem Wirtschaftszweig zweistellige Minusraten.

Schon im vergangenen Herbst verfiel Soravia auf die Idee, zur "Redimensionierung" des angeschlagenen Maculan-Konzerns und zur "Neustrukturierung der Bauwirtschaft" eine Auffanggesellschaft zu gründen, in der die wichtigsten Konkurrenten versammelt sein sollten. Was wie ein Kartell zur gleichgewichtigen Abrüstung der Kapazitäten aussieht, ist für österreichische Verhältnisse schon fast eine marktradikale Lösung - die Variante, den Konzern einfach in den Konkurs gehen zu lassen und der Konkurrenz das freiwerdende Marktsegment zum Erobern zu überlassen, hat offenbar nie zur Debatte gestanden.

Die meisten großen Baukonzerne gehören in Österreich ohnedies den Kreditinstituten - etwa der Bank Austria (Porr), der Creditanstalt (Universale) oder der Raiffeisen-Zentralbank (Era-Bau). Zugleich sind die drei Institute die wichtigsten drei Gläubigerbanken von Maculan. Ein Konkurs von Maculan würde zwar den Baufirmen passen, aber die enormen Kreditausfälle würden den Banken nicht schmecken. Daher wollen die Institute Problemfirmen am liebsten in ihr System "einpassen". Dafür gibt es typische Mechanismen: So stieg erst vor wenigen Wochen die GiroCredit, Nummer drei im Bankensektor, bei der maroden Linzer Baufirma Mayreder ein, behielt ein Viertel selbst und überantwortete den Rest für einen Schilling einem Salzburger Autoimporteur. In anderen Fällen haben die Banken treuen Kunden mit Solvenzproblemen einfach ein anderes Unternehmen zum Freundschaftspreis überlassen.

Kritiker Soravia glaubt auch nicht an die Objektivität der Banker: "Die versichern uns zwar immer, daß ihre Entscheidungen mit den eigenen Baufirmen nichts zu tun haben." Doch damit sei es nicht weit her. So blieben die Baufirmen der Bank Austria und der Creditanstalt, die Soravia zur Beteiligung an der Maculan-Auffanggesellschaft gewinnen wollte, lieber unter sich. Daß der Außenseiter Bau Holding es nicht schaffte, bei dem Spiel mitmachen zu dürfen, heißt aber noch lange nicht, daß es nicht stattfindet. Die Firma Porr, Tochter der SPÖ-dominierten Bank Austria, die in den Sanierungsverhandlungen von allen die härteste gewesen war, hat schon offen ihr Interesse an der "Rettung der Arbeitsplätze" angemeldet. Vorher hatte Bundeskanzler Franz Vranitzky dekretiert, Maculan dürfe nicht einfach in Konkurs gehen. Soravia hält es sogar für möglich, daß das quälend lange Zögern der österreichischen Banken, als es um eine Strategie zur Sanierung des gesamten Maculan-Konzerns ging, "schon die Strategie selber" gewesen sein könnte. Dann hätten die österreichischen Banken die Deutschen bewußt hingehalten und damit hinters Licht geführt.

Der Wiener Standard zog aus einer anderen Warte heraus die nationale Karte: In Deutschland, so das Blatt, kämen "antiösterreichische Ressentiments zum Vorschein". Medien, Betriebsräte und Politiker "stempelten" die Österreicher zu Sündenböcken.

Alexander Maculan, der seinem ersten Zorn nach dem Ausstieg der Banken auch öffentlich freien Lauf gelassen hatte, nimmt in diesen Tagen ebensowenig Stellung wie die meisten anderen Beteiligten. Die 2500 Arbeitsplätze bei Maculan in Österreich müssen gerettet werden. Die Zeit zum Schimpfen und Analysieren ist offenbar schon wieder vorbei - und der aufmüpfige Baulöwe Alexander Maculan gezähmt.

 
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