Das andere Passau

Mächtig wie ein großes Schiff ragt die Altstadt aus dem Wasser, als wolle sie die Wellen von Donau und Inn durchbrechen. Auf ihrem Deck beherbergt sie Paläste in italienischem Barock, Häuser in weichen Pastelltönen, kopfsteingepflasterte Gassen fallen zu den alles dominierenden Flüssen ab. Bei einem Gang entlang der Innpromenade wiegt sich der Gast in Geborgenheit: Schwäne treiben im Strom, dann und wann läuten Glocken, die Menschen gehen in gelassener Muße ihres Wegs. Das hoch oben thronende Kapuzinerkloster Mariahilf und die grünen Hügel Österreichs bilden die passende Kulisse. Passau - ein Ort, an dem scheinbar immer Sonntag ist.

Mürrische Alltagsgesichter, aggressive Autofahrer, Beate-Uhse-Shop - zwischen Schanzlbrücke und Kleinem Exerzierplatz liegt ein betonmoderner Stadtteil. Auf den Stufen vor der Nibelungenhalle, dort, wo die CSU alljährlich zum Politischen Aschermittwoch einlädt und die Bayern bei Unmengen von Bier krachledern die rechten Werte lehrt, hocken junge, sehr junge Menschen. Man nennt sie hier "die Punks". Es ist jene Clique, die im vergangenen Sommer durch eine Selbstmordserie landesweit auf sich aufmerksam gemacht hat. Suizid als letzter Weg, weil einige des Lebens in ihrer engen Umgebung überdrüssig waren. Es gibt kein autonomes Jugendzentrum, und so sitzen die Freunde der Toten nach wie vor da, zur Zeit vor dem Bretterzaun einer Baustelle, hinter dem ein neuer Eingangsbereich für die Halle entsteht. Dann und wann werden sie von Passanten beschimpft und, wenn sie alleine oder in Grüppchen losziehen, von der Polizei "kontrolliert".

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Passau ist eine Stadt mit Janusgesicht. Schön und makellos lächelt sie aus Reiseführern und Hochglanzbroschüren, so sieht sie sich gerne selbst. Aber Passau ist schon lange nicht mehr nur heile, eindimensionale Welt. Auch wenn diese zunächst die Fremden anzieht: 1,3 Millionen Touristen sind es, die jährlich das "Venedig des Nordens" überschwemmen. Wer wollte nicht den alles überragenden Stephansdom sehen, dessen gotischer Grundbau nach dem verheerenden Stadtbrand von 1662 umgestaltet wurde und heute als eines der bedeutendsten barocken Bauwerke nördlich der Alpen gilt? Oder in seinem Inneren die mit ihren 17 774 Pfeifen und 233 Registern größte Kirchenorgel der Welt bestaunen. Die Fremden kommen und sind fasziniert von der Wassersäule am gotischen Rathausturm, die jeden über die schlimmsten Hochwasserkatastrophen im Laufe der Jahrhunderte informiert. Sie genießen das Flair des Residenzplatzes mit seinen Bauwerken aus dem frühen 18. Jahrhundert oder steigen hier auf zur strahlend weißen Veste Oberhaus, in deren Gemäuern die Bischöfe weiland ihre Macht über das Bürgertum sicherten. Und vielleicht wollen sie danach auch noch das umfangreiche Glasmuseum besuchen.

Aber es kommen auch Besucher, die nicht so gern als Touristen gesehen werden: Rechtsradikale. Das Jahrestreffen der Deutschen Volksunion läuft immer nach demselben Schema ab: Die Partei bekommt trotz des städtischen Protestes gerichtlich die NS-häßliche Nibelungenhalle als Veranstaltungsort zuerkannt. Die deutsche Skin- und Naziszene strömt nach Niederbayern, im Schlepptau die bayerische Bereitschaftspolizei und Bayerns Autonome. Grüne Autos dominieren dann die Straßen und Plätze, ein paar Festnahmen, manchmal ein bißchen Randale, und alle Beteiligten ziehen am Abend wieder ab. Doch von diesem alljährlichen Ereignis wissen die Besucher meist nichts. Sie werden durch die fremdenverkehrsgerechte Kulisse der "schönsten Stadt der Welt" (Adalbert Stifter) schlendern und sich nichts Böses denken. Es sei denn, sie stoßen auf die verheißungsvolle Aufschrift "Scharfrichter". Dann nämlich stehen sie vor des Teufels Höhle: vorm Kabarett.

Als 1975 der damals 22jährige Siegfried Zimmerschied zusammen mit Bruno Jonas mit der "Konferenz" auftrat, war das die Gegeninszenierung zur muffigen Passauer Bürgerlichkeit und der vielzitierten heiligen Dreieinigkeit von Kirche, Presse und Partei: Ein depperter Herrgott, ein trunkener Heiliger Geist, ein frustrierter Jesus und eine zum zweiten Mal schwangere Maria trieben auf der Bühne ihr Unwesen. Die Stadt erstarrte vor Entsetzen, und die allmächtige Passauer Neue Presse verhängte eine Nachrichtensperre, die acht Jahre dauern sollte. Repression erzeugt Aufmerksamkeit, und so kam es, daß Zimmerschied und Jonas zusammen mit Rudi Klaffenböck als Drittem im satirischen Bunde landesweit Anerkennung fanden. Das Scharfrichterhaus wurde zur Institution, bei der sich inzwischen während der Passauer-Kabarett-Tage der deutsche Satirenachwuchs erprobt. Heute gehören die säbelrasselnden Scharfrichter zur derzeit SPD-regierten Stadt wie Dom und Flüsse.

Blank, blitzeblank (weil von der Stadt initiiert) zeigt sich Passau in der anderen großen kulturellen Institution: Seit 1952 finden die "Europäischen Wochen" jeden Sommer drei Monate lang statt. Mit diesen Festspielen kann sich Passau in der Tat sehen lassen: Opern, Konzerte, Volksfeste in barocken Trachten oder Lesungen, alles mit hochkarätiger und internationaler Besetzung, häufig unter freiem Himmel und vor historischer Kulisse. Yehudi Menuhin fand den Weg nach Passau, um vor der Domfassade Händels "Messias" aufzuführen, Beethovens "Neunte" erklang im üppig verzierten Chor von St. Michael, die "Carmina Burana" tönten durch die Nibelungenhalle. Für die europäische Dimension des Festivals sorgte beispielsweise im vergangenen Sommer der polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorski mit seiner Eröffnungsrede "Gedanken zu Europa".

Aber nicht nur auf diese "Highlights" beschränkt sich das kulturelle Leben in der angeblich provinziellen Wüste. Für jeden ist etwas da: das kleine, aber mutige Stadttheater, Galerien wie das "Kulturmodell Bräugasse", das Nachwuchskünstlern eine Plattform bietet, das Zeughaus, ein alternativer Veranstaltungsort, wo gejazzt wird, das Rockfestival auf dem Thingplatz, das inzwischen als Woodstock Bayerns gilt, oder die sehr kreative Theater- und Musicalszene der Studenten.

Mit der Universität hat es seine ganz besondere Bewandtnis: Sie zeigt Glanz- und Schattenseite der Stadt zugleich. Erst 1978 gegründet, rührte sie Ende der achtziger Jahre mit interessanten, international ausgerichteten Studienangeboten wie dem Diplomkulturwirt - einem ökonomisch-fremdsprachlich orientierten Studium generale - heftig die Werbetrommel. Und sie kamen auch aus der ganzen Republik, die ehrgeizigen Studenten: zumeist aus "gutem" oder "sehr gutem" Hause, mit Siegelring und Seidentuch, und einem ausgeprägten Karrieresinn.

Dem wohlbehüteten Nachwuchs bot sich eine wohl behütende Welt: das zeitlose Ambiente, der Charme der bajuwarisch-österreichischen Biergärten und die Ausgewogenheit der Kneipenszene (mit fünf heimischen Brauereien), die traumhaft schöne Lage des Unicampus am Innufer, wo die Enten quaken und auf den gegenüberliegenden Hängen die Schafe blöken. Das ist die Glanzseite.

Nun ist es aber so, daß viele Passauer sich schwertun mit den jungen Leuten. Plötzlich waren sie da, zu Hunderten, bestellten in den Bäckereien "Brötchen" statt "Semmeln", schwäbelten, sprachen rheinisch oder hochdeutsch. Welten prallten aufeinander. Offensiv pirscht man sich nun an das Fremde heran: "Typisch Student", wird häufig auf Passaus Straßen gepöbelt, wenn wieder eines der zahlreichen Radfahrverbote übersehen wurde. Und welche Belästigungen müssen diejenigen ertragen haben, die sich in einer "Bürgerinitiative gegen studentischen Lärm" wehrhaft organisierten. Dabei war die Musik, die regelmäßig aus einer Studentensiedlung ertönte, erst der Anfang allen Anstoßes. Man vermutete gar in jener engagierten und unkonventionellen Wohngemeinschaft in einer ehemaligen Kaserne "linksradikales und autonomes Gedankengut wie in der Hafenstraße", so die lokale Junge Union.

Angst, blanke Angst ergriff das an geordnete Verhältnisse gewöhnte Bürgertum, und so beschloß man, den Schandfleck zu beseitigen - nicht einfach so, versteht sich, sondern unter dem Vorwand, ein Sportplatz sei für die Studenten vonnöten. Das "Ghetto", wie die Siedlung in Passau fälschlicherweise hieß, mußte weg. Die Universitätsverwaltung entschied, die beiden bereits leerstehenden der insgesamt fünf Gebäude abzureißen. Bagger rückten eines Tages im Morgengrauen an - im Gefolge zwei Hundertschaften Bereitschaftspolizei mit Schlagstock, Helm, Schutzschild und laufender Videokamera. Auftrag: "Abwehr autonomer und studentischer Störaktionen". Jene, die sich angesprochen fühlen mußten, die braven Kinder von Industriellen, Richtern und Beamten, staunten nicht schlecht.

Doch Passau wäre nicht Passau, käme nicht immer wieder das prächtige Gesicht zum Vorschein. Und im Zweifel ist da ja noch die Geschichte! Passau war einst das größte Bistum im Römischen Reich Deutscher Nation und erstreckte sich bis nach Ungarn. Im Hochmittelalter sowie in der frühen Neuzeit gedieh die Stadt dank des Salzumschlags zwischen Österreich und Böhmen zu einem blühenden Handelszentrum.

Als 1803 mit der Säkularisation die bischöfliche Herrschaft zusammenbrach und Passau dem späteren Königreich Bayern zugeschlagen wurde, driftete die Stadt ins historische Abseits - bis zum Fall des Eisernen Vorhangs. Unvergessen ist den Passauern jener Septemberabend 1989: Ungarn hatte seine Grenzen geöffnet, und, über Österreich kommend, erreichten die DDR-Flüchtlinge am Grenzübergang Passau-Suben das damals noch "gelobte Land".

Eine Chronik, wie sie sich jedes Fremdenverkehrsamt nur wünschen kann - wäre da nicht Anna Rosmus. Als Anfang der achtziger Jahre die engagierte Schülerin für einen Aufsatzwettbewerb über die örtliche Nazivergangenheit recherchierte, stieß sie auf massiven Widerstand, von Informationsverweigerungen bis zu anonymen Morddrohungen. Die Unterdrückung weckte Aufmerksamkeit - die der internationalen Presse und der Kinowelt: Die Geschichte vom "Schrecklichen Mädchen" wurde verfilmt. Die eine oder andere Rosmus-Publikation wird noch mit Klagen überzogen, doch hat man sich heute an die Nestbeschmutzerin, die mittlerweile in den USA lebt, gewöhnt. Wie das Kabarett ist Anna Rosmus gerade wegen ihrer klar definierten Rolle nicht wegzudenken, als eine Seite der Passauer Doppelgesichtigkeit.

Und so findet jeder an diesem Ort, was er sucht. Die Stadtväter betonen innovative Bauprojekte, die neue Rolle Passaus im wiederentdeckten Herzen Europas, das basisdemokratische Bewußtsein seiner Einwohner. Mit als erste der bayerischen Städte machten sie von der Bürgerbeteiligung in den Kommunen Gebrauch, die im vergangenen Jahr per Referendum in Bayern eingeführt worden war. Und die Touristen werden nach wie vor vom Deck der Ausflugsschiffe aus die Schönheit dieses Fleckens preisen.

 
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