Gier ohne Filter

Nur keine voreiligen Schlüsse: Die rauchenden Damen, die vor den New Yorker Bürogebäuden langsam auf und ab schreiten, sind nicht das, was der Kenner der Hamburger Herbertstraße oder des Frankfurter Bahnhofsviertels vermutet, sondern Sekretärinnen, die ihrer Sucht am Schreibtisch nicht mehr frönen dürfen. Die Raucher haben es schwer in Amerika. Seitdem der Gesundheitsminister 1964 einen Bericht vorlegte, der zwischen Rauchen und Lungenkrebs erstmals einen klaren Zusammenhang herstellte, hat sich die Schlinge des Gesetzgebers immer enger zugezogen. 1965 nötigte der Kongreß die Hersteller von Zigaretten, auf den Packungen vor der Gefährlichkeit des Inhalts zu warnen. 1971 verbot er die Werbung für Zigaretten im Rundfunk und Fernsehen. 1989 wurde auch das Rauchen auf Inlandflügen untersagt.

Viele Bundesstaaten, Gemeinden und Unternehmen schränkten den Freiraum der Raucher noch weiter ein. Wie so oft machte Kalifornien den Anfang: Hier wurde das Rauchen am Arbeitsplatz schon 1983 verboten. Inzwischen gibt es an die 700 Gesetze und Verordnungen, die den Tabakkonsum in der einen oder anderen Weise regulieren. In New York ist das Rauchen von Gesetzes wegen in Taxis, Bussen, der U-Bahn, Kinos, Theatern, Flughäfen - kurz: in allen öffentlichen Gebäuden - verboten. Nicht einmal auf den Bahnsteigen darf geraucht werden. Bis vor einigen Monaten durften sich die Raucher wenigstens in Restaurants noch halbwegs sicher fühlen: Man wies ihnen bestimmte, nur für sie reservierte Tische zu - die freilich oft genug unwillkommene Einblicke in die Küche oder die Toiletten boten. Seit April 1995 ist es auch damit vorbei: In Restaurants mit mehr als 35 Plätzen darf nur noch an der Bar geraucht werden. Pfeifen und Zigarren sind gänzlich tabu. Nur die Staaten des tabakproduzierenden Südens lassen die Raucher einstweilen noch unbehelligt.

Wie gefährlich die Dämpfe sind, läßt sich an der Statistik ablesen: Jahr für Jahr sterben mehr als 400 000 Amerikaner an Lungenkrebs und anderen smoking-related diseases - zehnmal so viele wie an Aids. Das amerikanische Gesundheitsministerium schätzt die Kosten, die die Behandlung dieser Krankheiten verursacht, auf jährlich fünfzig Milliarden Dollar. Das sind sieben Prozent aller medizinischen Kosten. Versuche, jedenfalls einen Teil dieser Kosten auf die tabakproduzierende Industrie abzuwälzen, sind bisher gescheitert. In allen Schadenersatzprozessen verschanzte sie sich mit Erfolg hinter der Warnung auf den Zigarettenschachteln: Jeder Käufer, befanden die Gerichte, kenne das Risiko, das ihn erwarte.

Inzwischen zeigt die Abwehrfront jedoch erste Risse. Eine wachsende Zahl von Insidern aus der Branche ist bereit, aus der Schule zu plaudern und ihr Wissen mit der Gegenseite zu teilen. Bei einer Anhörung des Kongresses im April 1994 traten zwei Biologen auf, die im Auftrag des Philip-Morris-Konzerns mit Ratten experimentiert hatten. Ziel dieser streng geheimen Experimente war es, einen weniger giftigen Ersatz für das Nikotin zu finden. Den Ersatz fanden die Forscher zwar nicht, wohl aber den Beweis für den suchterregenden Charakter des Nikotins: Die Ratten betätigten den Hebel, der sie mit Nikotin versorgte, achtmal so häufig wie den, der den Kontraststoff freigab. Das peinlich berührte Unternehmen brach die Versuchsreihe ab und ließ die unerwünschten Ergebnisse im Archiv verschwinden. Bis heute hält die Industrie eisern an der Sprachregelung fest, daß Nikotin süchtig mache, sei ebensowenig erwiesen wie die schädlichen Wirkungen des "passiven Rauchens".

Vor wenigen Wochen erlitten die Tabakbosse eine neue Schlappe. Am 4. Februar erhob Jeffrey Wigand, von 1989 bis 1993 Forschungsdirektor bei Brown & Williamson, im populären Fernsehmagazin "60 Minutes" schwere Vorwürfe gegen seinen früheren Arbeitgeber. Ursprünglich hatte CBS die Sendung bereits im November angesetzt, war jedoch zurückgezuckt, als das angegriffene Unternehmen mit einer Schadenersatzklage in Milliardenhöhe drohte. Nachdem das Wall Street Journal Wigands Anklage veröffentlicht hatte, wagte sich auch CBS auf das juristische Glatteis. Die Anklage besteht im wesentlichen aus drei Punkten: Zum einen habe der Vorstand von Brown & Williamson bei den Anhörungen im April 1994 gelogen, als er wider besseres Wissen den suchterzeugenden Charakter des Nikotins leugnete. Zum zweiten sei dem Pfeifentabak ein krebserzeugender Zusatz beigemischt worden; Wigands Versuche, diesen Zusatz zu entfernen, seien als "geschäftsschädigend" abgeblockt worden. Zum dritten sei er mit der gleichen Begründung daran gehindert worden, eine weniger suchterzeugende Zigarette zu entwickeln.

Das ist, wie man so sagt, starker Tobak, der die Bosse von Brown & Williamson wegen Meineids ins Gefängnis bringen könnte. Eine weitere Gefahr braut sich in Florida zusammen. Im Januar ließ das Berufungsgericht des Staates eine Sammelklage von 23 Stewards und Stewardessen zu, die von Philip Morris Schadenersatz wegen "passiven Rauchens" verlangen. Der Anwalt der Kläger bezifferte die Forderung auf mehr als eine Milliarde Dollar.

Trotz dieser Niederlagen wäre es verfrüht, der Tabakindustrie schon jetzt das Schicksal der Bergwerke und Werften zu prophezeien. Der Staat kann es sich nicht erlauben, ihrem Untergang tatenlos zuzusehen: Zu viele Arbeitsplätze hängen von ihrem Wohlergehen ab. So kommt es, daß die zuständige Bundesstelle, die Food and Drug Administration (FDA), mit zwei Zungen spricht: Einerseits hat sie an der Gefährlichkeit des Tabaks keinen Zweifel; andererseits scheut sie davor zurück, gegen seine Verbreitung ebenso einzuschreiten wie gegen die von Haschisch und Kokain. Dieses Dilemma ist natürlich auch der Industrie nicht verborgen geblieben. "Wenn Zigaretten zu gefährlich sind, um verkauft zu werden", höhnte derPräsident des Reynolds-Konzerns bei den Anhörungen, "dann verbieten Sie sie doch! Einige Raucher werden sich an das Gesetz halten, aber viele nicht. Man wird Zigaretten aus Lastwagen verkaufen - Zigaretten, die von Gott weiß wem gemacht werden und Gott weiß was enthalten."

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    • Von Joerg von Uthmann
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 12/1996
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