Leben im Kunstwerk

Vorbei an blühenden Bäumen, endlosen Wein- und Obstplantagen führt der Weg nach Gibellina. Im südwestlichen Innern Siziliens, circa hundert Kilometer von Palermo entfernt, ist die 5000-Seelen-Siedlung heute der Ort mit der höchsten Dichte an moderner Kunst in ganz Italien. Daß die Bewohner in dieser seismisch unruhigen Gegend auf einem Pulverfaß sitzen, bekommen sie seit Jahrhunderten zu spüren. Bis heute sind die Folgen der letzten Naturkatastrophe noch zu sehen. In der Nacht des 14. Januar 1968 zerstörten Erdbeben in einem Umkreis von 110 Kilometern vierzehn Orte des Bélice-Tals, darunter auch Gibellina: 231 Tote, 263 Verletzte und circa 150 000 Obdachlose, so lautete die Schreckensbilanz.

In der Folge wurde das Bélice-Tal zum Inbegriff der Mafiaspekulation. Denn obwohl der italienische Staat Gelder für den sofortigen Wiederaufbau zur Verfügung gestellt hatte, passierte lange Zeit nichts. Daß die Hilfsgelder zum Großteil in den Taschen der ehrenwerten Gesellschaft und korrupter Staatsdiener versickerten, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Erst Jahre später wurden die Orte nach den Entwürfen berühmter Architekten Italiens wie Vittorio Gregotti oder Paolo Portoghesi an sicheren Plätzen in der Ebene wieder aufgebaut.

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Das prägnanteste Beispiel für diese Dorfneugründungen ist Gibellina. Sechzehn Kilometer vom früheren Bergdorf entfernt liegt der neue Ort Gibellina Nuova, verkehrsgünstig direkt an Autobahn und Eisenbahnlinie. Bereits von weitem ist in dem baumlosen Hügelland das sternförmige Stadttor Stella von Pietro Consagra als Symbol der Wiedergeburt der Stadt zu sehen. Anders als die Nachbardörfer erfuhr Gibellina die besondere Anteilnahme der Medien. Vieles haben die Bürger dem damaligen kommunistischen Bürgermeister Ludovico Corrao zu verdanken, der nicht nur Politiker, sondern auch namhafte Künstler aus aller Welt nach Gibellina einlud. Pietro Consagra, Arnaldo Pomodoro, Oswald Mathias Ungers oder Rob Krier sind nur einige, die sich tatkräftig für eine neue Siedlung einsetzten, indem sie Gibellina mit ihren gestifteten Werken in ein lebendiges Museum der zeitgenössischen Kunst verwandelten. Ziel war es, eine Stadt nicht vom Reißbrett entstehen zu lassen, sondern ein kulturelles Zentrum mit unverwechselbarem Profil und mit Lebensqualität zu schaffen.

Bereits heute gilt Gibellina als kulturgeschichtliches Denkmal. Neben der verbesserten Infrastruktur entstand auf der Basis von Grundrissen englischer Gartenstädte eine eigenwillige urbane Struktur. Breite Straßen und zweistöckige Wohnkomplexe in Reihenhausbau mit kleineren Vorgärten und Grünflächen - für Sizilien absolut untypisch - in Verbindung mit rund zwanzig avantgardistischen Kunstmonumenten aus Zement oder Metall kennzeichnen den Ort. Alles wirkt dezentralisiert, mit vielen Piazzetten und Ecken angelegt, nur wenige Geschäfte sind zu erkennen. Viele der gestifteten abstrakten Plastiken zieren die zumeist unfertigen Plätze des Ortes. Vergeblich sucht man die Piazza, die als Forum der Zusammenkunft in jedem italienischen Vorort ein geräuschvolles und bewegtes Foyer ist.

Der erste Eindruck dieses urbanistischen Experiments: eine Art Geisterstadt. Vieles wirkt erstarrt. Keine Spur vom so sprichwörtlich bekannten italienischen Dolce vita unter der erbarmungslos glühenden Sonne. Auch vielen Bewohnern ist diese neue Siedlung bis heute fremd geblieben, die noch kein gewachsenes Dorf ist, sondern eher eine autogerechte Schlafstadt. Seine Berühmtheit - zumindest in Italien - verdankt Gibellina einzig der Kunst.

Ein Kulturspaziergang führt vorbei am schneckenförmigen Meeting, einem durchsichtigen Gebäude von Consagra, das gleichzeitig als Bar, Sozialzentrum und Treffpunkt fungiert. Vorbei am arabisch angehauchten Rundkuppelbau der monumentalen Kirche Chiesa Madre von Ludovico Quaroni, zeigt das Museo d'Arte Contemporanea einen Großteil der Künstlerspenden. Neben Bildern und Skulpturen wichtiger sizilianischer Künstler der Gegenwart wie Mario Schifano informiert das Museum zugleich über die Stadt.

Der Architekt Francesco Venezia verarbeitete im Palazzo di Lorenzo, in dessen Innenhof im Sommer Open-air-Veranstaltungen stattfinden, die Steinfassade des Palastes aus dem alten Gibellina. Auch die Restauration des Bauernhofs Case di Stefano seiner Kollegin Marcella Aprile ist ein Zeugnis für den Versuch, alte Gebäudefragmente in die Neubauten miteinzubeziehen.

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