Leben im KunstwerkSeite 2/2

Die Bewohner leben damit, daß ihrem Kunstdorf großes Interesse entgegengebracht wird. Mit einem gewissen Stolz weisen sie auf die Skulpturen und Monumente hin, fühlen sich aber auch befremdet darüber, daß sie niemals im Mittelpunkt bei der Planung der eigenen Stadt gestanden haben. Für die vorwiegend bäuerliche Bevölkerung bleibt ihre Siedlung damit (noch) eine fremde Welt. Daß die moderne Kunststadt nicht immer auf die Gegenliebe der Bewohner stieß, zeigte sich auch daran, daß nicht nur der Mitgründer Corrao im letzten Jahr als Bürgermeister abgewählt wurde, sondern immer wieder Protestaktionen in der Demontage von Kunstobjekten gipfelten. Andererseits macht gerade eine Fahrt in die ebenfalls neuentstandenen tristen, aus dem Boden gestampften Containerdörfer Montevago und Salaparuta die Vorzüge Gibellinas deutlich.

Kilometerlang führt eine kurvige Strecke vom neuen Ort quer durch die Berge zu den Ruinen des 1968 zerstörten Dorfes. Im eigenartigen Kontrast zur idyllischen Landschaft stehen die wenigen noch vorhandenen zerfallenen Überreste. Das alte Gibellina ist heute Trümmerwüste. Ruinen, Häuser, ein mit aller Liebe gepflegter Friedhof, viel mehr ist nicht vom ehemaligen Bergdorf übriggeblieben. Die restlichen Trümmer in ein riesiges Grab, das sogenannte cretto, umwandeln zu lassen war sicherlich die faszinierendste Idee von Bürgermeister Corrao. Auf einem Areal von mehreren hundert Quadratmetern ließ der umbrische Maler Alberto Burri Straßen und Häuserreste eines Teiles des alten Dorfes weiträumig mit einer Betonkuppe überziehen. Schon von weitem ist dieses Mahnmal zu sehen. Stach der weißgetünchte Zementanstrich einst strahlend aus der Landschaft hervor, ist er über Jahre verwittert, in seiner bräunlichen Farbe dem Berghang angepaßt.

Fast den ganzen Bergrücken umfaßt dieses Relief immensen Ausmaßes. Kanäle durchziehen das Todeslabyrinth. Sie zeichnen die Straßenläufe des früheren mittelalterlichen und bäuerlichen Zentrums nach. Jeder Besucher kann diesen Irrgarten durchwandern, um von seinem Anblick bewegt selbst Straße für Straße zu erforschen. Es ist ein Symbol der ständigen Begegnung mit der Vergangenheit, ein Todesdenkmal, dessen Suggestivkraft jeden Besucher nachdenklich macht.

Jedes Jahr zwischen Juni und Oktober dient dieses Mausoleum als bizarre Kulisse für die Theaterfestspiele Orestiadi di Gibellina. Finanziert mit privaten Sponsorengeldern und öffentlichen Zuschüssen, werden bei diesem Festival Regisseure mit einer Inszenierung der "Orestie" von Aischylos eingeladen. Auch wenn es im letzten Jahr bereits zum vierzehnten Mal stattfand und in der Vergangenheit die international renommiertesten Protagonisten wie Ariane Mnouchkine, Robert Wilson oder der ehemalige Chef der Berliner Schaubühne, Peter Stein, hier arbeiteten, ist dieses Spektakel noch nicht weit über die italienischen Grenzen hinaus bekannt geworden.

Was die Darbietung so einzigartig macht, ist die Kulisse. Der Tod ist auf dieser ewigen Grabstätte stets allgegenwärtig.

Zurück in den neuen Ort: Knatternd jagen ein paar verwegene Vespa-Fahrer über die ausgestorbene große Piazza. Das einzige Zeichen von Leben, das die einsame Mittagsstille durchdringt. Ob das Ziel, eine Stadt per Kunst und moderner Architektur aufzubauen, erreicht worden ist, läßt sich schwer beurteilen, erscheint doch das Projekt noch wie eine theatrale Illusion, ja eine Filmkulisse. Fakt ist, daß sich der heutige Ort rühmen kann, in Italien zu einem Wallfahrtsort für Kunstinteressierte geworden zu sein. Aber es bleibt die Frage, ob man hier gegen jegliche Traditionen eine künstliche Stadt baute, die als Forum und Übungsplatz für eine Reihe arrivierter Architekten und Designer, als Experiment und Provokation zugleich weiter vor sich hin dämmert. Es bleibt abzuwarten, ob die weiteren Bauvorhaben dazu beitragen können, diesen spannenden Kunstort auch zu einer Heimat für seine Bewohner zu machen.

Informationen über das Festival, dessen genauer Termin kurzfristig festgelegt wird, gibt die Fondazione Orestiadi di Gibellina, Baglio di Stefano, I-91081 Gibellina, Tel. 0039-921/678 44.

 
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