Es gibt keine Inseln im Schwarzen Meer. Und keine Segelboote auf den Wellen. Gäbe es sie, wir hätten es bemerken müssen. Hügelauf, hügelab kurven wir die Küste entlang und links liegt hinter Regenschleiern das graue Wasser - insellos, bootlos. Natürlich sind wir nicht in die Türkei geflogen, um das zu beweisen. Wir wollten mit dem Bus von Istanbul bis zur georgischen Grenze fahren, ohne die Küste zu verlassen. Vorweg: Es geht nicht. Aber: Es lohnt den Versuch.

Das Chaos im Busbahnhof auf der europäischen Seite Istanbuls erschüttert alle mitteleuropäischen Ordnungsmuster. Hunderte von Bussen und Taxen, Tausende von Händlern, Schuhputzern und Reisenden bahnen sich ihren Weg durch die Abgasfahnen.

Geistesgegenwärtige Ankömmlinge können sich auch zu den Fähren im Stadtteil Eminönü durchschlagen und zur Busstation auf der asiatischen Seite übersetzen. Vom Schiff aus sieht man, nach Europa zurückgewendet, die vermutlich prächtigste Minarettversammlung auf Erden.

Noch am Ankunftstag kommen wir immer in Richtung Osten bis nach Zonguldak. Die erste Wegstrecke entlang des Marmarameers könnte wunderschön sein, wie am Genfer See. Aber noch haben sich unsere Augen nicht daran gewöhnt, daß im Norden der Türkei Häuser nur als teilbewohnte Baustelle errichtet werden. Wenn die Heimkehrer aus Deutschland zurückkommen oder die Kinder älter werden oder das Mobiliar überhandnimmt, wird eine neue Etage ausgebaut.

Bereits in Zonguldak wird unsere imaginäre Route das erste Mal korrigiert: In das Seebad Amasra kommen unmittelbar entlang der Küste nur Fußgänger. Alle anderen müssen erst ein größeres Stück auf der Hauptstraße landeinwärts Richtung Ankara fahren und von dort wieder nach Norden stoßen. Kurz vor Mitternacht sitzen wir im ganz aus Holz errichteten Busbahnhof von Zonguldak, frierend immer neuen Tee ordernd, insgesamt leicht verunsichert und ohne Unterkunft. Da begegnen wir zum ersten Mal türkischer Gastfreundschaft. Orhan duldet keinen Widerspruch: "Ihr kommt zu mir und könnt so lange bleiben, wie ihr wollt." Er war mit demselben Bus gefahren und hatte bereits kurz hinter Istanbul prophezeit, daß wir letztlich sein Angebot nicht abschlagen würden, in dieser Nacht mit ihm zu seinen Verwandten zu gehen. Später haben wir noch einige Einladungen dieser Art erhalten.

Der erste Reisetag endet also um drei Uhr morgens im Gästezimmer fremder Leute in einem unbekannten Mittelgebirge. Orhans Familie bewohnt eine gutausgebaute Etage in einem fünfstöckigen Rohbau. Unser Gastgeber behauptet von sich, vor zwei Frauen, seiner eigenen und einer anderen, aus Recklinghausen geflüchtet zu sein. Näheres bleibt im dunkeln. Nach Jahren sieht er seine Schwester wieder, weist dann auf uns und sagt, wir würden jetzt hierbleiben. Als Nachtmahl wird Linsensuppe gereicht. Die Zubereitung eines aufwendigen Geflügelgerichts können wir gerade noch abwenden.

Am nächsten Tag zeigt uns Orhan, mit weißen Cowboystiefeln und Flammenemblem auf der Jacke ein kurioser Kontrast zu den bäuerlich gekleideten Menschen, das alte Dorf oberhalb der Straße. Er ist dort aufgewachsen. Es gibt keinen Strom, ein paar Hütten sind noch bewohnt. Aber die meisten haben unten entlang der Hauptstraße gebaut und sich ein Café oder einen Kramladen eingerichtet. Nach viel Reden akzeptieren unsere Gastgeber, daß wir weiterwollen, und stoppen uns per Handzeichen einen geeigneten Bus.