MÜNCHEN. - So voll ist das Gotteshaus, daß manche Kirchgänger stehen müssen, ohne den Predigenden über die Köpfe hinweg erspähen zu können. Trotzdem harren sie aus, zwei Stunden lang. Die Bischöfe müßten sich eigentlich freuen angesichts der ungewohnten Attraktivität ihrer Institution. Doch der Mann, der solchen Zulauf hat, erregte den Zorn der Kirchenoberen.

Statt schwerer Orgeltöne erklingen leichte, fröhliche Synthesizer-Laute an diesem Abend in der Kirche Zu den Heiligen Schutzengeln im Münchner Vorort Eichenau. Pfarrer Albert Bauernfeind, der als Münchner Stadtjugendpfarrer im vergangenen Herbst von Friedrich Kardinal Wetter entlassen worden war, weil er in einem Interview des Jugendmagazins der Süddeutschen Zeitung die offizielle katholische Lehrmeinung zur Sexualität als "unbrauchbar" kritisiert hatte (ZEIT Nr. 43/1995), ebendieser beschreitet in knallbuntem Gewand zum ersten Mal seinen neuen Arbeitsplatz - als Pfarradministrator. Also als einer, der eine vakante Pfarrstelle überbrückt. "Demütigend", urteilen darüber Freunde des katholischen Priesters, und ein Rasta-Lockenschopf von der Kirchenjugend begrüßt ihn zu Beginn des Gottesdienstes einfach mit den Worten: "Auch wenn Sie vom Ordinariat nur als Administrator angewiesen wurden - für uns sind Sie ab heute der neue Pfarrer." Das Publikum applaudiert.

Die Faxleitung des Kardinals, zeitweise von einigen hundert Protesten gegen Bauernfeinds Entpflichtung belegt, ist wieder frei. Der Kardinal selbst hat seine Entscheidung öffentlich immer wieder gerechtfertigt, obwohl es inzwischen Stimmen im Erzbischöflichen Ordinariat geben soll, die die eilige Entlassung des Jugendpfarrers bedauern. "Sie haben sich ein Eigentor geschossen", sagt Albert Bauernfeind dazu, durch die verhinderte Auseinandersetzung sei der Kirche eine "gute Öffentlichkeit" verlorengegangen. Der 42 Jahre alte Pfarrer selbst hätte dagegen durch alle Fernseh-Talk-Shows touren können, doch er lehnte ab - "Mit dem Thema Sexualität alleine hätte ich keine sinnvolle Perspektive gehabt." In der katholischen Kirche ist er geblieben, weil er an einen Wandel glaubt.

Die pfarrerlose Gemeinde Eichenau im Münchner Westen, durch die Ereignisse auf den kritischen Priester aufmerksam geworden, bewarb sich um ihn als neuen Pfarrer - und bekam ihn nach einigen Verhandlungen zumindest als Administrator. Ob Bauernfeind später dort auch Pfarrer werden kann, hat der Kardinal offengelassen. "Für Albert Bauernfeind ist das total erniedrigend - dem Ordinariat geht es nur um die Demonstration von Macht", schimpft Pascal Fantou, Stadtvorstand des Münchner Bunds der Katholischen Jugend (BDKJ). Bei den Jugendlichen ist die Wut, so scheint es, der Resignation gewichen: "Einerseits haben wir uns zwar bestätigt gefühlt, weil so viele auf unserer Seite waren, andererseits ist es ernüchternd, weil sich trotzdem nichts verändert", sagt der 23jährige.

Kurz bevor Albert Bauernfeind seine Administratorenstelle aufnahm, mußte in der Gemeinde ein Brief des Ordinariats verlesen werden, in dem es hieß: "Herr Pfarrer Bauernfeind hat sich nach einer Zeit der Besinnung in einem Gespräch mit dem Herrn Kardinal von jenen Aussagen des Interviews distanziert, die Anstoß erregten." Bauernfeind sagt dagegen, er habe sich weder von seinen Aussagen distanziert noch sie widerrufen.

Der Brief hängt am Abend des Eröffnungsgottesdienstes neben dem Eingang an der Kirchenwand, zwischen vielen anderen Dokumenten zu Bauerfeinds Entlassung. Und was die Gemeinde davon halten soll, dazu bezieht Bauernfeind Stellung in seiner Predigt, die eher zum Plädoyer geraten ist und neben Kritik an der Amtskirche ganz kurz das Thema Sexualität streift: "Angstfrei gelebte Sexualität bringt den Menschen in eine erlöste Beziehung zu sich selbst, zu den anderen und letztendlich zu Gott." Er hat seine kritischen Anmerkungen blumig verpackt, keine Namen genannt, keine radikalen Thesen vertreten, aber das reichte schon, um seine Zuhörer zu spontanem Applaus zu bringen. Zum Schluß singen sie auch noch "Sätze werden aufgebrochen".