Von einem so durchschlagenden Erfolg in Rußland kann die CIA nur träumen: Seit die amerikanische Notenbank die Einführung neuer Hundertdollarnoten ankündigte, herrscht zwischen Kaliningrad und Wladiwostok Aufruhr. Zeitungen bilden die neuen Geldscheine des einstigen Feindes in Übergröße ab und analysieren die Folgen von deren Einführung für die russische Wirtschaft. Die Moskauer Zentralbank beruft Pressekonferenzen ein, und die Geschäftsbanken diskutieren, wieviel sie für die Ausgabe neuer Dollarnoten gegen alte abkassieren werden. Man hat sich inzwischen auf zwei Prozent geeinigt.

In keinem Land der Welt, die Vereinigten Staaten einmal ausgenommen, gibt es so viele Dollarnoten wie in Rußland. Und nun fürchten die Bürger um ihre Ersparnisse und ihre Altersversorgung. Gut zwanzig Milliarden Dollar liegen nach groben Schätzungen unter russischen Matratzen - und das überwiegend in Hundertdollarnoten. Daß man mit den alten Scheinen auch weiterhin auf der ganzen Welt bezahlen kann, geht in dem Trubel unter.

Um die Aufregung zu verstehen, die der routinemäßige Austausch amerikanischer Banknoten in Rußland auslöst, ist ein Blick in die Geschichte nötig: Ältere Russen erinnern sich noch daran, wie Stalin nach dem gewonnenen Krieg 1947 mit einer Währungsreform kurzerhand alle Ersparnisse der Sowjetbürger auslöschte. Noch gegenwärtiger ist die Nacht-und-Nebel-Aktion des sowjetischen Ministerpräsidenten Walentin Pawlow, der im Januar 1991 kurzerhand alle Fünfzig- und Hundertrubelnoten konfiszieren ließ. Der Bevölkerung blieben ganze drei Tage Zeit, um die großen Scheine in kleine umzutauschen. Am 24. Juli 1993 schließlich, einem Samstag, erklärte die russische Zentralbank kurzerhand alle Rubelnoten für ungültig, die vor 1992 gedruckt worden waren. Am folgenden Montag mußten die Russen stundenlang vor den Sparkassen Schlange stehen, um maximal 35 000 alte Rubel, damals umgerechnet 35 Dollar, umzutauschen.

Es ist also verständlich, daß die Russen ein sehr gestörtes Verhältnis sowohl zu ihrer eigenen Währung als auch zum Vorgang des Banknotenumtausches haben. Und die wechselhafte russisch-sowjetische Geldgeschichte erklärt auch die innige Liebe zum amerikanischen Dollar. Wenn in Rußland politische Krisen drohen wie derzeit, dann hamstern die Menschen nicht Lebensmittel, sondern Greenbacks. Und die werden jung und sauber gehalten: Kaum jemand nimmt Scheine an, die vor 1990 gedruckt wurden - das ist eben so. Auch kleine Malereien oder Einrisse führen zu einem standhaften Annahmeboykott.

So reagieren viele Russen geradezu reflexartig auf die Nachricht vom Banknotenumtausch in Washington: So möchte beispielsweise das Kindermädchen Natalja erst dann wieder ihr Dollargehalt bekommen, wenn die neuen Scheine auf dem Markt sind. Das Gehalt in Rubel entgegenzunehmen ist für sie völlig ausgeschlossen. Es interessiert sie dabei auch nicht sonderlich, daß die russische Währung gegenüber dem Dollar derzeit relativ stabil ist.

Nur selten sind Russen so abgebrüht wie der Journalist Pjotr: Seit Jahren trägt er, ganz gegen den sonstigen Gebrauch, auch uralte Dollarscheine in die Wechselstuben. Wenn der Kassierer dann die Annahme verweigert, droht Pjotr mit der Polizei: Schließlich gibt es ja eine Verordnung der Zentralbank, nach der auch alte Dollarnoten gegen Rubel umgetauscht werden müssen. Bisher hat Pjotr damit immer Erfolg gehabt. Sollte dieses untypische Verhalten Schule machen, könnte der alltägliche Dollar-Rubel-Tausch demnächst eine ziemlich langwierige Angelegenheit werden.