Langsam und mit lautem Brummen gewinnt der Hubschrauber an Höhe. Nach kurzem Flug über das Davoser Skigebiet wird er seine Fracht auf dem 2207 Meter hohen Gipfel abladen. Sechs Heliskifahrer haben dann eine kilometerlange Abfahrt durch unberührte Natur vor sich. Der von den Rotorblättern aufgewirbelte Pulverschnee hat nicht nur die umstehenden Skiläufer eingestäubt, sondern auch das Monument am Rande des Startplatzes mit einer feinen Puderschicht überzogen. Das weithin sichtbare Denkmal aus aufgeschichteten Steinen ist Hannes Schneider gewidmet. Das als Hauptdarsteller zahlreicher Bergfilme mit Leni Riefenstahl und Luis Trenker zu Weltruhm gelangte Ski-As vom österreichischen Arlberg weihte die Davoser vor 65 Jahren in die hohe Kunst der Arlbergtechnik ein. Er traf auf eifrige Schüler. Sie lernten schnell, mit Pflugbogen, Stemmschwung oder Quersprung das alpine Skigelände zu bewältigen.

Hier in Davos heißen die Berggipfel jedoch nicht etwa Weissfluh oder Gotschnagrat, sondern Neko Takky oder Mount Azumaya. Am Horizont erhebt sich der Vulkan Mount Asama, der sich im Sommer gelegentlich mit Rauch und Feuer bemerkbar macht. Die Gipfel liegen in den japanischen Alpen auf der Hauptinsel Honshu, über 10 000 Kilometer von der Schweiz entfernt. Hannes Schneider taufte dieses Skigebiet Davos, weil er die Umgebung des kleinen, drei Bahnstunden von Tokio entfernten Ortes Sugadeira als "so schön wie Davos" empfand.

Der Ski-Heros Schneider hätte sich nicht träumen lassen, was er und andere Alpinisten, die den Japanern beibrachten, sich auf den langen Holzlatten formgerecht zu bewegen, mit ihrer Entwicklungshilfe auslösen würden: Heute ist Japan die skiverrückteste Nation auf der Erde. Fast siebzehn Millionen Pistengläubige bescheren der größten Skiindustrie der Welt einen Jahresumsatz von über fünfzehn Milliarden Mark. Sie sausen im Winter, wann immer es die knapp bemessene Freizeit erlaubt, Nippons Berge hinunter.

Skifahren als Massensport. Mächtige Industrietycoons überzogen das Land mit einem Netz von fast 700 Skistationen. Allein der Megastore Victoria in der Tokioter Innenstadt, der auf acht Etagen Ski, Sportausrüstung, Bekleidung und Accessoires anbietet, verkauft im Jahr 70 000 Paar Ski.

Für den Boom auf den Pisten gibt es viele Gründe: Ein Rückzug in die Berge hat für Japaner eine jahrhundertealte Tradition, doch diente er vor allem der Kontemplation, insbesondere seitdem sich die Städte als immer lebensfeindlicher erwiesen. Entspannung fanden die Naturliebhaber dabei vor allem im dampfenden onsen, dem Bad unter freiem Himmel in einer der unzähligen heißen Schwefelquellen.

Der Skilauf gilt als Ausdruck eines hohen Lebensstandards, einer nach westlichem Vorbild ausgerichteten, individuelleren, konsumorientierten Lebensweise. Die, wenn auch kurzen, Skitrips sind eine der wenigen Möglichkeiten für die kaishain (Firmenangestellte) und komuin (Beamte), der Konformität des Arbeitsalltags zu entfliehen. Ist die Firmeneinheitskluft abgelegt, kann die Ausrüstung für die Piste nicht schrill, bunt und teuer genug sein: Gefragt sind Jacken europäischer und amerikanischer Edelmarken wie Phenix und Descente, Overalls von Ellesse oder Bogner. Bei der Hardware dominieren die exklusivsten Modelle von Blizzard oder Head, Rossignol oder Salomon. Vor allem die im Wohlstand aufgewachsene Jugend rebelliert zunehmend gegen die Werte von gestern.

Andererseits greifen noch immer die Grundmuster der japanischen Gesellschaft. Der einzelne muß sich dem Interesse der Gemeinschaft unterordnen: im Kindergarten, in Schul- und Studienalltag, im Arbeitsleben. Davon ist die Freizeit nicht ausgenommen. Ganze Schulen oder Unisemester fahren geschlossen zusammen in die Berge. Viele der Lehranstalten besitzen dort Ferienheime oder Hütten.