Die Gedanken sind frei, für ihre schriftliche Niederlegung aber verhaftet zu werden (oder Schlimmeres) ist nach wie vor in weiten Teilen der Welt möglich. Natürlich aber nicht unter Nato-Partnern. Natürlich aber schon in der Türkei. Im Februar 1995 hatte Yaçar Kemal (72), der bedeutendste türkische Schriftsteller, im Spiegel die türkische Kurdenpolitik angeprangert - und war daraufhin der Volksverhetzung angeklagt worden. Im vergangenen Dezember, kurz vor Aufnahme von Verhandlungen um eine Zollgemeinschaft mit der Europäischen Union, wurde Kemal freigesprochen. Inzwischen ist Kemals Essay auch in der Türkei erschienen - Grund genug für eine erneute Anklage, die in der vergangenen Woche zu einem Schuldspruch führte: ein Jahr und acht Monate Haft auf Bewährung. Offenbar war die Türkei gerade nicht in der Not, vor der Welt in Sachen Menschenrechte taktisch glänzen zu müssen. Außenminister Kinkel hat in dem skandalösen Urteil einen "Rückschlag für die Meinungsfreiheit und Toleranz in der Türkei" erkannt und so seiner amtlichen Hilflosigkeit Ausdruck verliehen.

Der Zwischenschaftler

Als Meyer-Schapiro, der amerikanische Kunsthistoriker, 1985 in Hamburg den Aby M. Warburg-Preis entgegennahm, da erzählte er in einer spontanen kleinen Dankesrede von der Notwendigkeit der "Zwischenschaft". Und jeder wußte: Meyer-Schapiro selber war das schönste Beispiel eines Zwischenschaftlers. Alles hatte er, als Kind jüdischer Eltern 1904 in Litauen geboren, in der neuen Heimat New York nach Schulabschluß studieren wollen: Mathematik, Philosophie, klassische Literatur. Ein Studium der Kunstgeschichte und Philosophie schloß er mit Auszeichnung ab - wurde aber in Princeton zu weiteren Studien nicht angenommen, weil seine Interessen zu weit gefächert waren. Meyer-Schapiro, der selber auch ein versierter Zeichner war, hat sich trotzdem erlaubt, ein Leben lang als Wissenschaftler und Lehrer zu arbeiten. Das Mittelalter hat ihn besonders beschäftigt und die Neuzeit, das Wechselspiel zwischen Kunst, Künstler und Publikum mehr interessiert als die Deduktion der Stile. Wie Aby Warburg, so hat auch Meyer-Schapiro kein geschlossenes Öuvre aufgebaut, keine Schule gegründet, sondern neben zwei Büchern über seine Lieblingskünstler Cézanne und van Gogh vor allem Aufsätze geschrieben. Im Alter von 91 Jahren ist Meyer-Schapiro in New York gestorben und mit ihm seine Spezies.

Woody Allen jatzt

Wir fordern weltweite Soloauftritte des Mythos Woody Allen (MWA). Er soll auf der Bühne zwei Stunden lang Hemden bügeln oder Plätzchen backen. Und wir schauen ihm tränenüberströmt zu. Aber nun spielt MWA Klarinette. Knarz-Klarinette in einer Dixieband. Sehr archaisch und lustig. Kollektiv-Improvisation. Die hohe Schule des sozialen Verhaltens. Alles gackert instrumental durcheinander. MWA gackert ganz ordentlich. Der Klang müffelt nach Soulfood. In Deutschland: Snuten un Poten. Der gebildete Reisende kennt MWA vom "Michael's Pub", Manhattan (211 E 55th St.). Edle Bar, an der eine elegante Meute hockt. Weißgedeckte Tische. Dining and music entertainment. Hier schaut man nicht auf den Dollar, sondern auf die Bühne. Dort sitzt MWA fast jeden Montag in Cordhosen und kariertem Hemd. Er jatzt und bläst die bleichen Backen auf. Der geniale Trauerkloß entspannt sich mit Musik. Kein Primus inter pares. Der therapeutische Aspekt dieser Sessions ist klar. Er tutet sich seine Neurosen ab. Das Publikum kann sich daran satt sehen. Nach Mitternacht strebt alles gut gelaunt unter Dixieklängen dem Liebeslager zu. Derweil saugt MWA gramvoll an seinem Mundstück. Reinster Tschechow. Haben wir denn keinen Künstler dieser Art? Doch, Günter Grass. Der spielt Waschbrett. Wir fordern: Günter Grass jeden Sonntag im "Cotton Club", Hamburg! Keine Kreditkarten.