Trocken, staubig, arm. Nur selten wächst in dem weiten, kargen Land ein Baum. Rotbraune, gepflügte Felder wechseln mit abgegrasten Weiden, nur hin und wieder kündigen hohe Agarven eine Siedlung aus runden, lehmverputzten Hütten an. Tsepholi Mathaba lenkt den Jeep über den zerfurchten Feldweg, es geht es nach Maleshoane, einem winzigen Dorf im afrikanischen Königreich Lesotho. Neben einem kleinen Feld stoppt Mathaba den Wagen schließlich, springt heraus und begrüßt den wartenden Bauern. "Die Erbsen hat der Frost erwischt, aber die Kartoffeln wachsen gut", sagt er stolz und erklärt, daß nun bald Mais gesät werden könne. "Sieben Sorten sollten nebeneinander wachsen, die schützen sich, und etwas überlebt immer. Trotz Frost und Trockenheit." Der Bauer bestätigt zufrieden die ersten Erfolge der ökologischen Anbauweise. Und auch die Nachbarinnen, die mittlerweile dazugekommen sind, stimmen zu: Ihre Felder gedeihen so prächtig, daß Neider in dieser Nacht Vieh hineingejagt haben.

Wenn in Lesotho drei Reihen Kartoffeln wachsen, ist das ein Beispiel für erfolgreiche Entwicklungshilfe? Seit drei Jahren unterstützt die deutsche Welthungerhilfe in dem kleinen Königreich ein "Projekt zur besseren Landnutzung" der Rural Selfhelp Development Agency (RSDA), und sie ist stolz darauf. Mathaba und andere Helfer zeigen den Bauern, wie sie ohne Dünger und Chemie, das Land bearbeiten. Das klingt nett und doch: Ein wenig lächerlich erscheint es schon auf der Schwelle zum nächsten Jahrtausend. Ist Entwicklung tatsächlich eine solche Schnecke, daß den Einwohnern von Lesotho, heutzutage beigebracht werden muß, wie man ein Feld bearbeitet oder einen Gemüsegarten anlegt?

"Das Königreich Lesotho ist ein kleines, karges und gebirgiges Hochland, das als Enklave mitten in Südafrika liegt", schreibt das "Handbuch Entwicklungspolitik", und die Statistik belegt: Die Demokratie Lesotho war und ist eines der ärmsten Länder der Welt. Es gibt keine Bodenschätze, ein für die Landwirtschaft wenig freundliches Klima und kaum Industrie. Die Familien leben von den Überweisungen der Männer, die seit hundert Jahren in die Minen Südafrikas ziehen, und von der Landwirtschaft. Das Land wird laufend ärmer: Immer weniger ist Lesotho in der Lage, sich selbst mit Lebensmitteln zu versorgen; seit den siebziger Jahren bauen die Bauern weniger Getreide an. Statt der nötigen 180 Kilo Getreide pro Einwohner produzierten sie 1983 gerade noch 70 Kilo. Viel zuviel Vieh frißt die kargen Weiden kahl, und so kann der seltene, aber heftige Regen große Teile des guten Bodens wegwaschen. Armut bedeutet für die Menschen in Lesotho immer noch oft Hunger.

Es mangelte dem Königreich nicht an Hilfe. Lange war das Land der Vorposten aller Apartheid-Gegner, dort trafen sich die Diplomaten vieler Länder, die Südafrika meiden und trotzdem in der Nähe vertreten sein wollten; in deren Gefolge siedelten sich Hilfswerke aus aller Welt an. Und mit den Helfern kam das Geld. Zeitweise gab es kaum Länder, die pro Kopf mehr Entwicklungshilfegelder bekommen haben. Mit zweifelhaftem Erfolg. Lesotho gilt manchem als ein Paradebeispiel für die Wirkungslosigkeit von Entwicklungshilfe. Der kalifornische Wissenschaftler James Ferguson beispielsweise bescheinigt nahezu allen landwirtschaftlichen Projekten - und davon gab es reichlich - das Scheitern. In "The Antipolitic-Machine" beschreibt der Anthropologe minutiös den Fehlschlag des Thaba-Tseka-Projektes, eines 15-Millionen-Dollar-Programms, mit dem Weltbank und die kanadische Organisation Cida in den achtziger Jahren die Landwirtschaft auf Vordermann bringen wollten.

Ein Teil des Weidelandes, das in Lesotho traditionell allen gehört, wurde in Thaba-Tseka abgezäunt und gepflegt. Nur Bauern, die die Qualität ihrer Herden verbesserten und schlechtes Vieh verkauften, sollten diese Weiden nutzen dürfen. Bessere Fleischqualität und Regenerationszeit für die übernutzten Weiden war das Ziel. Die Experten hatten allerdings nicht bemerkt, daß viele Bauern das Projekt als aufgepfropfte Idee einer ungeliebten Regierung empfanden; daß die Einzäunung von Gemeinschaftswiesen durch eine von außen kontrollierte Genossenschaft gegen ihre tiefste Überzeugung des gemeinsamen Besitzes von Land sprach; daß die Aussonderung von Tieren für sie einer Reduzierung ihres Sparbuches gleichkam. Basotho sparen in Herden, in guten Zeiten vermehrt sich das Vieh, in schlechten werden die Tiere verkauft oder geschlachtet.

Erfahrungen wie die von Ferguson haben in Lesotho viele ernüchtert. Abendszene in einem der drei Restaurants, in die "man" essen geht: Die Gäste in dem holzvertäfelten, von Kerzen heimelig beleuchteten Speisesaal sind fast alle weiß. Man kennt sich, dort sitzen die Mitarbeiter einer Schweizer Organisation, am Nebentisch holländische Helfer und gegenüber Amerikaner. Während die deutsche Wirtin den Rotwein einschenkt, sagt Klaus, der deutsche Entwicklungshelfer: "Alle gehen." Auch er muß in einem Jahr nach Hause, und auch sein Projekt ist wenig erfolgreich - selbst wenn er das so deutlich noch nicht sagen will. Er spricht von den vielen Problemen und sieht sich dabei in guter Gesellschaft: "Die meisten sind frustriert." Seit Südafrika wieder in die Gesellschaft der zivilisierten Staaten aufgenommen wurde, wandern nun viele Helfer dorthin.

"Ja, die Hilfszahlungen werden weniger", bestätigt am nächsten Morgen Thomas Motsoanhae Thabane, der Büroleiter des Premierministers. Der kleine Mann im blauen Anzug gilt als graue Eminenz des Landes, und selbstsicher tritt er auf: "Eine Menge Ihres Geldes ist verlorengegangen. Die Hilfe war bisher nicht sehr effektiv." Thabane kann sich die Freimütigkeit leisten. Die internationalen Kredite für das derzeit wichtigste Milliardenprojekt des Landes sind längst bewilligt: mehrere Staudämme und ein Kanalsystem, das Wasser aus Lesotho gegen eine Millionengebühr nach Südafrika exportiert. Und Thabane glaubt fest daran, daß dieses Projekt nicht nur Geld in die Regierungskassen, sondern auch die nötige Elektrizität für eine Industrialisierung des Landes bringt. Da kann die Landwirtschaftsförderung dann gut als Fehler von gestern gelten.