Taipei

An einem Nachmittag im vergangenen November, bei einem langen Gespräch in einer grau-düsteren Pekinger Regierungsvilla, beschlich den Reporter plötzlich das Gefühl, daß seine Sinne geschärft werden sollten für einen unabwendbar heraufziehenden Konflikt. Dies war die Botschaft, die der Reporter aus Deutschland unbedingt mit nach Hause nehmen sollte:

Die Vereinigten Staaten wollen den Aufstieg Chinas zu einer ebenbürtigen Macht mit allen Mitteln verhindern. Amerika redet von Menschenrechten und will doch nur den Konkurrenten von morgen niederhalten. Der Kalte Krieg ist vorüber, aber der Sieg des Kapitalismus keineswegs gesichert: "China ist nicht bereit, das westliche Modell zu übernehmen."

Erbittert über die Unbeugsamkeit der Volksrepublik, so fuhr der Gesprächspartner fort, habe sich Washington auf eine Politik der Eindämmung gegen das "letzte sozialistische Bollwerk" verlegt. Unverhüllt unterstütze es die Sezessionsbestrebungen Taiwans. Aber dieses Komplott zwischen der amerikanischen Supermacht und den "Spaltern" in Taipei sei zum Scheitern verurteilt: "Einen Abfall der Provinz vom Mutterland werden wir verhindern, notfalls mit Gewalt."

Ist es nun soweit? Am Freitag der vergangenen Woche schlugen die ersten drei Mittelstreckenraketen vom Typ M-9 keine fünfzig Kilometer vor den beiden größten Häfen Taiwans im Meer ein. Am Dienstag begannen See- und Luftmanöver. Seit 1958, der letzten großen Krise in der Taiwan-Straße, war die Volksbefreiungsarmee nicht so massiv angetreten. Die Aussöhnung mit Rußland, das beim geplanten Besuch Boris Jelzins im April einen Nichtangriffspakt mit Peking schließen will, macht es möglich. "China hat die meisten seiner besten Truppen aus dem Norden an die Ostküste verlegt", sorgt sich Taiwans Außenminister Fredrick Chien. Fünf Divisionen, insgesamt bis zu 150 000 Mann, so schätzt sein Kollege im Verteidigungsministerium, beteiligen sich an den Militärübungen. Der amerikanische Außenminister Warren Christopher warnte vor "schwerwiegenden Konsequenzen" bei einem Angriff auf Taiwan. Das Pentagon entsandte inzwischen zwei Flugzeugträgerverbände in das Krisengebiet.

Am Sonntag in einer Woche sollen die Bürger Taiwans zum ersten Mal ihren Präsidenten in direkter, demokratischer Wahl bestimmen. Der Geschützdonner vor der Küste sorgt für eine einschüchternde Lärmkulisse. Die Führung in Peking will ihrer Erklärung Nachdruck verleihen, daß "Taiwan immer noch ein Teil Chinas ist und daß wir die Entschlossenheit und die Fähigkeit haben, die territoriale Integrität des Landes zu verteidigen". Nicht wegen der Manöver sollten sich die Taiwanesen sorgen, erklärt Pekings Außenminister, sondern wegen derjenigen, "die nach Unabhängigkeit streben und mit der Unterstützung von internationalen Kräften, die China auseinanderreißen wollen, auf dem falschen Weg weitergehen".

Gemeint ist Lee Teng-hui, Präsident von Taiwan seit 1988 und erneut Kandidat der regierenden Nationalen Volkspartei (Kuomintang). Mit einer Maßlosigkeit, die bisher für den verhaßten britischen Gouverneur in Hongkong, Chris Patten, reserviert war, wurde Lee in den Pekinger Medien attackiert. In den Umfragen vergrößert das nur seinen Vorsprung vor den anderen drei Präsidentschaftskandidaten. Und immer mehr Menschen drängen zu seinen Kundgebungen.