Fernsehen ist nicht mehr glaubwürdig. Bilderjäger und Bilderfälscher haben das Klima so vergiftet, daß dem, der mit einer Kamera auftaucht, vielerorts blankes Mißtrauen und Ablehnung entgegenschlagen. Auch Thomas Schadt hat diese Erfahrung in den vergangenen Jahren immer wieder machen müssen. Der Fernsehdokumentarist sagt: "Es wird immer schwieriger, Vertrauen herzustellen." Dabei werden zwar die öffentlich-rechtlichen Sender noch am ehesten als vertrauenswürdig akzeptiert - ein Pfund, mit dem sie wuchern könnten, wenn sie es denn begriffen.

Aber, keine Frage: Die Affäre um den Bilderfälscher Michael Born sucht indirekt auch Schadts Bilder heim. Wie andere auch muß er sich fragen, ob seine Arbeiten nicht ohne eigene Schuld an Kraft verlieren und wie er dem Verlust an Glaubwürdigkeit begegnen will.

Eigentlich sollte Thomas Schadt solche Probleme nicht haben. Der 38jährige ist einer der erfolgreichsten aus der Generation jüngerer Dokumentaristen. Seine Arbeiten haben mehr Beachtung gefunden, als dem Genre gemeinhin widerfährt. Mit ihren populären Themen brachten sie sogar Einschaltquote.

"Der Autobahnkrieg", 1993 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, lief mehrfach auf verschiedenen Sendern und hatte an die acht Millionen Zuschauer. Auch die Filme über die alltägliche Arbeit einer Berliner Mordkommission ("Mordkommission M 1/4") oder über die Luftrettung ("Eiserne Engel") verbuchten beachtliche Marktanteile. Und brachten den Nachweis, daß die Realität so spannend sein kann wie der schärfste Krimi-Plot.

Solcher Erfolg war auch bei "Spiegel TV" aufgefallen. Man wartete mit Komplimenten auf, zeigte sich begeistert von der Authentizität der Filme und ließ sich ein Interesse an Zusammenarbeit anmerken. Schadt nimmt das gelassen, denn solche Avancen haben ihren Grund. Wer heute mit Kamera und dem Schlachtruf "Spiegel TV" anrückt, hat kein sonderliches Renommee mehr. Der gute Ruf ist ruiniert, und es besteht Bedarf an Seriosität.

Ein auf schnelle Reize hin organisierter Journalismus hat sich selbst in die Sackgasse manövriert. Überdies fehlt handwerkliches Können. Keine Ahnung, wie man souverän mit O-Ton arbeitet. Kein Gespür für Authentizität und wie man sie erreicht. Die Macher können Magazinbeiträge drehen, aber schon für eine einstündige Dokumentation reicht es nicht. Der Gegensatz von dokumentarischem Filmhandwerk und den Anforderungen dieser Art TV-Journalismus ist groß und prinzipiell. "Journalisten", sagt Schadt, "interessieren sich immer weniger für die Menschen, sondern mehr für ihre Thesen. Wir gehen genau umgekehrt vor. Wir drehen, wo andere nicht mehr drehen." Womit er nicht die Sensation oder das Unerträgliche meint, sondern die in der Regel ausgesparten Lücken des Alltags.

"Eiserne Engel" zum Beispiel. Als Schadt seinen Film über die Arbeit der Flugrettung plante, waren erst das grundsätzliche Mißtrauen auszuräumen, dann die falschen Vorstellungen über Filmarbeit. Erst als die Beteiligten merkten, daß der Mann mit der Kamera von morgens bis abends am Drehort war, als sich erwies, daß er nicht mal eben spektakuläre Bilder abholen wollte, war die Vertrauensbasis gegeben. Die Ärzte akzeptierten die ansteckbaren Knopfmikrophone, unerläßlich für den O-Ton, der dem Film Authentizität gibt.