KÖLN. - Kaum bemerkt von der europäischen Öffentlichkeit, hat sich Kroatiens Präsident jüngst geoutet. Franjo Tudjman, immer bemüht, die Rolle seines Landes als Vorposten Europas und der Christenheit ins rechte Licht zu rücken, hat vor den Delegierten des Sonderparteitages der staatstragenden Partei HDZ in Zagreb sein Demokratieverständnis offenbart: "Sie", er sprach dabei die Oppositionsparteien an, "sagen, daß wir von der HDZ die Wahlresultate vom letzten November nicht anerkennen. Sie vergessen aber, daß die HDZ die relative Mehrheit bekommen hat. Sie, die Oppositionsparteien, sagen: ,Wir haben sechzig Prozent der Stimmen.` Was aber heißt schon sechzig Prozent?" Für den kroatischen Präsidenten besagt dieser Stimmenanteil offenbar nichts, weil er nicht zulassen kann, daß eine Vereinigung von Oppositionsgruppen seine staatliche Macht in Frage stellt.

Was war geschehen? Tudjman und seine HDZ befanden sich im Herbst 1995 im Siegestaumel: Nach den erfolgreichen Operationen der kroatischen Armee in West-Slawonien und später in der Krajina schienen die Aussichten auf einen grandiosen Wahlsieg ungetrübt. Die HDZ, so die Erwartung in Tudjmans Lager, bekommt ganz sicher die absolute Mehrheit, wahrscheinlich sogar die Zweidrittelmehrheit. Danach wollte Tudjman dann die Verfassung ändern und sich gern zum Präsidenten auf Lebenszeit machen: "Si j'étais roi . . ."

Doch die HDZ kam nur auf knapp über vierzig Prozent der Stimmen. Hätte Tudjman nicht illegal - gegen jedes Völkerrecht - auch im Nachbarstaat Bosnien-Herzegowina wählen lassen, wäre das Ergebnis noch bescheidener ausgefallen. In Zagreb, wo mittlerweile ein Viertel der gesamten Bevölkerung Kroatiens lebt, verlor die HDZ die Wahlen - wie in den anderen großen Städten Rijeka, Split, Dubrovnik. In der Hauptstadt hatte das Wahlergebnis einen lähmenden Machtkampf zur Folge. Die eindeutige Oppositionsmehrheit wählte einmal den Politiker Goran Granic, dann Ivo Rados zum Bürgermeister. Aber der Präsident, der die Nomination durch Unterschrift bestätigen muß, verweigerte beiden, von demokratischen Mehrheiten getragenen Kandidaten, die Anerkennung.

Vergangene Woche nun hat Kroatiens präsidialer Herrscher eine HDZ-Kandidatin, Marjana Matulovic-Dropulic, zur Bürgermeisterin von Zagreb ernannt. Sie gilt als typischer Wendehals. Bis 1990 war sie kommunistische Funktionärin, trat dann aber gleich als HDZ-Mitglied in die erste kroatische Regierung ein.

Das Zagreber Landesparlament wird ihre Wahl nicht bestätigen, und dann wird es Neuwahlen geben. Tudjman und der regierenden HDZ können Neuwahlen nur recht sein. Die HDZ ist schließlich die einzige Partei mit Geld. Die Opposition kann gegen das Regierungsfernsehen und die von der Regierung beherrschte Presse keinen erfolgreichen Wahlkampf führen. In Zagreb sagt man deshalb ohne vorgehaltene Hand: Wichtiger als Kredite aus Deutschland wäre für die kroatische Demokratie die Unterstützung der Opposition durch die politischen Stiftungen. Wo aber bleiben die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Konrad-Adenauer- und die Friedrich-Naumann-Stiftung?

Franjo Tudjman meinte zu der demokratischen Wahl, die im vergangenen November der Opposition in Zagreb die Mehrheit der Stimmen brachte: "Was bedeutet das, daß die Opposition in Zagreb sechzig Prozent der Stimmen hat?

Das wäre, als ob ein Bauer sagte, er hätte in seinem Hof sechzig Stück Vieh. Aber sind das Ferkel oder Kälber? Während jeder vernünftige Bauer und Mensch weiß, daß ein Rassepferd, ganz zu schweigen von zwei Rassepferden oder Rassekühen, mehr wert ist als eine ganze derartige Herde." So spricht der Freund des Westens, Franjo Tudjman. Wie lange wird Europa einen Politiker mit solchem Demokratieverständnis noch stützen und hätscheln?