Die neue Mär vom Superunkraut

Seit Jahren befürchten Gentechnikkritiker, ins Freiland entlassene Gene könnten sich dort unkontrolliert ausbreiten und für die Natur nachteilige Folgen haben. Daß aber auch eine veröffentlichte Nachricht im Laufe ihrer Verbreitung unerwartet mutieren kann, damit haben die Forscher bisher nicht gerechnet. Die Chronologie einer Freisetzung:

Am 1. März 1996 wendet sich das britische Wissenschaftsmagazin Nature wie üblich eine Woche vor Erscheinen der aktuellen Ausgabe mit Vorabdrucken an die Medien. In der Ausgabe vom 7. März wird ein Brief an die Herausgeber des Magazins erscheinen. Ein dänisches Autorenteam beschreibt darin Versuche zum Kreuzungsverhalten von Raps und Rübsen. Der Text ist kaum eine halbe Seite lang.

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Der hauseigene Nature News Service macht aus den dürren Zeilen des Schreibens eine journalistische Nachricht: Schon immer habe man geargwöhnt, manipulierte Gene könnten in die Umwelt entweichen - mit unvorhersehbaren Konsequenzen. "Thomas Mikkelsen und seine Kollegen vom Risö National Laboratory in Dänemark haben nun den Beweis erbracht, daß dies geschehen kann und daß es sehr schnell geschieht."

Die Nachrichtenagentur Associated Press ignoriert die von den Nature-Herausgebern festgesetzte Sperrfrist und schreibt am 5. März, die Kritik an Freisetzungsversuchen mit gentechnisch veränderten Pflanzen habe neue Nahrung erhalten. Ein in Raps eingepflanztes Gen sei spontan auf einen nahen wildlebenden Verwandten übertragen worden. Laut AP warnen die dänischen Wissenschaftler vor einem "Superunkraut", dem mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr beizukommen sei.

Am nächsten Morgen ist die Fiktion Wirklichkeit geworden. Bild vermeldet ein "Super-Unkraut durch Gensprung". Das in Raps eingepflanzte Gen, behauptet das Boulevardblatt, springe auf wildlebende Arten (Plural!) über, das resultierende Unkraut könne nicht mehr durch Unkrautvertilgungsmittel vernichtet werden. "Werden eines Tages unsere Felder von einem Superunkraut überwuchert, das nicht mehr auszurotten ist?" fragt Bild besorgt.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND) und die hessischen Grünen reagieren prompt. Sie folgern in eilig angefertigten Presseerklärungen, Freisetzungsversuche seien unverantwortlich, die Folgen unkontrollierbar. "Dieses extrem zähe Unkraut kann auch nicht mehr von gebräuchlichen Pflanzenschutzmitteln angegriffen werden", erklärt die hessische Landtagsabgeordnete der Grünen Senta Seip in völliger Verkennung der Tatsachen. "Diese gefährlichen Experimente müssen sofort politisch gestoppt werden", fordert der BUND.

Am 7. März wird die Reaktion der Umweltschützer in den Medien verbreitet. Die Wetterauer Zeitung aus Hessen nutzt die Gunst der Stunde und protestiert gegen die im Frühjahr geplanten Freisetzungsversuche im nahen Melbach. Der Wetteraukreis ist ein lokaler Brennpunkt der deutschen Auseinandersetzungen um Gentechnik auf dem Acker. Immer wieder wurden hier Freisetzungsversuche der Hoechst/Schering-Tochter AgrEvo verhindert oder zerstört.

Am 8. März veröffentlicht die Frankfurter Rundschau eine Stellungnahme der AgrEvo, die in Deutschland neben Mais und Zuckerrüben auch gentechnisch veränderten Raps freisetzt. Die Ergebnisse der Dänen seien weder neu noch unerwartet, erklärt AgrEvo-Vertreter Gerhardt Waitz. "Und ein Superunkraut entsteht schon gar nicht." Die resistenten Pflanzen seien problemlos mit herkömmlichen Methoden zu beseitigen. "Das Arsenal dafür ist längst geschmiedet."

Am 12. März erfährt schließlich Thomas Mikkelsen, der Autor des Nature-Artikels, von der Aufregung in Deutschland. Der ruhige Däne schüttelt verständnislos den Kopf. Er hatte mit seinen Kollegen zwar für mehr Vorsicht bei der Freisetzung bestimmter Pflanzen plädiert. "Unsere Ergebnisse sollten in Erwägung gezogen werden, wenn man neue Eigenschaften auf Raps überträgt." Ein Verbot aller Feldversuche aber hatten die Forscher aus Risö nicht im Sinn, von einem Superunkraut war im ursprünglichen Nature-Artikel nicht die Rede.

 
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