Nun ist also endlich ein Kompromiß für den Streit um das Schulgesetz von Brandenburg gefunden worden. Soll auch in Brandenburg der Religionsunterricht ordentliches Lehrfach sein, wie es Artikel 7 des Grundgesetzes vorsieht, oder darf sich das Land auf die Ausnahmeklausel des Artikel 141, auf die sogenannte Bremer Klausel, berufen? Ferner: Darf der klassische Religionsunterricht durch eine Art multikulturellen Modells ersetzt werden - nämlich Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde (LER)? Und wenn ja: fakultativ oder obligatorisch?

Das sind Probleme, die in der letzten Woche vor den Bundestag kamen, was zusätzlich den Streit heraufbeschwor: Bund- oder Ländersache? Dies alles sind Fragen, die zwar für das Staats- und Verfassungsrecht wichtig sind, die aber dem Bürger, gemessen an der Zukunft unserer Gesellschaft, zweitrangig erscheinen.

Die vierzig Jahre atheistischer Erziehung in der DDR haben eine, nein zwei areligiöse Generationen hervorgebracht. Von zehn Kindern werden nur zwei getauft. Im Westteil von Berlin nahmen vierzig Prozent der Schüler freiwillig am Religionsunterricht teil - im Ostteil sind es nur fünf Prozent.

Die Jungen wachsen in einer Zivilisation auf, für die das Geld der höchste Wert ist und für die Maximierung von Produktion und Konsumtion, von Profit und Wachstum den Sinn des Lebens ausmachen. Unser Wirtschaftssystem, das auf dem Gesetz der Konkurrenz beruht und dessen Motor der Eigennutz ist, verleitet dazu, das eigene Geschäft ohne alle Rücksicht voranzutreiben.

Was fehlt, sind ethische Maximen oder mindestens Spielregeln und Verhaltensnormen. Alles Transzendente und Metaphysische ist aus dem Leben verbannt und die entstandene Leere von der Unterhaltungsindustrie gefüllt worden. Dem Heranwachsenden müssen aber neue Horizonte vermittelt und ein Zugang zum Metaphysischen erschlossen werden, sonst verkümmert die Seele und breitet sich die Brutalität immer weiter aus. Die Hauptschwierigkeit ist allerdings, daß die Lehrer, die auf Marxismus-Leninismus gedrillt wurden, erst einmal umgepolt werden müssen.

Die Geschichte des europäischen Humanismus hat viel mit Erziehung zu tun; aber Schulen sind heute selbst zu Brutstätten von Gewalt geworden - physischer Gewalt gegen Kameraden und psychischer Gewalt gegen Lehrer.

Kant sagt: "Der Mensch soll seine Anlagen zum Guten erst entwickeln, die Vorsehung hat sie nicht schon fertig in ihn gelegt, es sind bloße Anlagen und ohne den Unterschied der Moralität. Sich selbst besser machen, sich selbst kultivieren und, wenn er böse ist, Moralität bei sich hervorzubringen, das soll der Mensch. Wenn man das aber reiflich überdenkt, so findet man, daß dieses sehr schwer sei. Daher ist die Erziehung das größte Problem und das schwerste, was dem Menschen kann aufgegeben werden. Denn Einsicht hängt von der Erziehung, und Erziehung wieder von der Einsicht ab."