Man kann es sich kaum noch vorstellen: die Ärzte hilflos gegen Diphtherie, Scharlach, Blutvergiftung, Lungenentzündung und andere bakterielle Infektionen. Wie kein anderes Medikament wurde Penicillin , das erste Antibiotikum, als Wundermittel gefeiert, und seine Entdeckung gilt vielen als bedeutsamste Entwicklung der Medizin.

Der erste Schritt erfolgte im September 1928 im Londoner St. Mary's Hospital, wo der 1881 in Südschottland geborene Alexander Fleming als Bakteriologe arbeitete. Am Anfang stand eine Panne: In eine von Flemings Bakterienkulturen war ein Schimmelpilz geraten. Das war ungezählten Bakteriologen zuvor passiert, sie hatten die "verdorbene" Kultur weggeworfen. Fleming hingegen bemerkte, daß rund um den Pilz Penicillium notatum der Bakterienrasen verschwunden war.

Offensichtlich sonderte der Pilz eine bakterientötende Substanz ab. Mit einer dünnen Lösung behandelte Fleming Wunden und Augeninfektionen. Schlie&szliglich fa&szligte er seine Erkenntnisse in zwei medizinischen Arbeiten so zusammen: "Es wird angenommen, daß Penicillin ein wirksames antiseptisches Mittel sein könnte, das zum Auftragen und Einspritzen in mit Penicillin-empfindlichen Mikroben infizierte Gebiete verwendet werden kann." Beachtung fand er damit kaum.

Furore machte hingegen wenige Jahre darauf das erste Sulfonamid, das bei Bayer entwickelt worden war. Als Gerhard Domagk, der diese Gruppe von Bakterientötern in die Therapie einführte, 1935 vor der Royal Society in London über seine Arbeiten berichtete, saß auch Fleming im Saal. "Ich habe etwas noch viel Besseres", erklärte er einem Kollegen, "aber keiner will davon hören.

Doch 1939 war es soweit. Eine Arbeitsgruppe in Oxford unter Leitung des Pathologen Howard Walter Florey und des Biochemikers Ernst Boris Chain begann Penicillin zu isolieren. Der 41jährige Florey stammte aus Australien, der acht Jahre jüngere Chain war gebürtiger Berliner russisch-jüdischer Herkunft und vor den Nazis geflohen. Im August 1940 bewies das gewonnene Penicillin erstmals seine Heilkraft an Mäusen, die mit sonst tödlich wirkenden Streptokokken infiziert worden waren.

Im Februar 1941 wurde der erste Mensch mit dem neuen Mittel behandelt, ein Londoner Polizist. Durch eine Wunde am Mund waren Bakterien in seinen Körper eingedrungen, Sulfonamide blieben wirkungslos. Der Tod schien nur noch Stunden entfernt. Nach zweitägiger Behandlung mit Penicillin trat eine Besserung ein, das Fieber fiel. Doch bevor der Kranke endgültig gerettet werden konnte, war der Penicillin-Vorrat aufgebraucht. Ähnliche Fehlschläge wiederholten sich. Um eine Penicillin-Ration für einen Tag zu gewinnen, bedurfte es mehrtägiger Laborarbeit. Schlie&szliglich konnte Florey über zwölf erfolgreiche Behandlungen berichten.

Amerikanische Pharmafirmen arbeiteten Methoden zur Massenproduktion aus. Bald wurde ein Killerbakterium nach dem anderen von Penicillin und zahlreichen Antibiotika, die ihm folgten, matt gesetzt. Optimisten sagten das Ende der Infektionskrankheiten voraus. Doch es kam anders. Immer wieder breiteten sich resistente Keime aus, und die Widerstandskraft blieb oft nicht in der Familie, denn Bakterien können ihre Resistenz-Gene auch an artfremde Mikroben übermitteln. Je mehr Antibiotika zum Einsatz kamen, desto stärker wurden resistente Bakterien begünstigt. Besonders in Krankenhäusern nisteten sie sich ein. Mi&szligbrauch von Antibiotika, etwa bei Erkältungen, schuf ebenfalls resistente Mikroben.