Buchkritik: "Die Wüste Internet" von Clifford Stoll

Clifford Stoll, lange Zeit begeisterter Nutzer des Internet, ist zu dessen Kritiker geworden

Im Hauptberuf ist Clifford Stoll ein anerkannter Astronom. Allerdings würde man ihn hierzulande wohl als Sponti bezeichnen: Der 45jährige aus Kalifornien ist ein Intellektueller mit Hang zu Skurrilem, wie es an der amerikanischen Westküste gedeiht und Teil einer Subkultur, in der sich seit den sechziger Jahren Freiheitsliebende, Systemgegner und Naturfreunde wiederfinden.

In diesem kalifornischen Biotop waren auch die ersten Netzreisenden zu Hause, Idealisten, die meinten, in der digitalen Welt ihre Ideen realisieren zu können - abseits vom miesen Establishment mit seiner Dollarmentalität. Information sollte für alle frei zugänglich sein, das Netz ein Ort der Verständigung und der Hilfe.

In seinem Roman "Das Kuckucksei", dem Tagebuch einer Hackerjagd, hatte Clifford Stoll diese Netzwelt noch gepriesen. Nun ist er als erster öffentlich den Seinen untreu geworden. In seinem neuen Buch "Die Wüste Internet" wettert er gegen die Euphorie in und um Digitalien und bespöttelt die Online-Süchtigen. Sie "sehen das Internet als Werkzeug und Gemeinschaft, als Arbeitsplatz und Zuhause. Ich nehme ihnen das einfach nicht ab." Seine Erfahrungen führen ihn zu einem ganz anderen Schlu&szlig: Es gebe eine "gro&szlige Kluft zwischen dem Rummel um das elektronische Utopia und der profanen Realität".

All die Versprechen des Cyberspace sind für Stoll nur Mythen, von Technokraten in die Welt gesetzt. Das beginne bei den angeblichen Nutzerzahlen des Internet, die tatsächlich niemand auch nur halbwegs genau wissen kann. Und es setze sich fort in den Prognosen über eine Revolution des Konsums und des Handels - in den Netzen, so stellt Stoll fest, werde der gleiche Mist angeboten wie auf den Teleshopping-Kanälen im US-Fernsehen.

Auch daß man im Internet wertvolle soziale Bindungen knüpfen könne, findet er abstrus: Die digitalen Begegnungen seien in aller Regel oberflächlich. Vielleicht beeindruckend, aber auf keinen Fall befriedigend. Überhaupt: Was sollen das für Gemeinschaften sein, die aufhören zu existieren, wenn man den Stecker seines Modems aus der Wand zieht?

Für noch schlimmer hält er den Mythos, daß die Online-Welt die Schreibkultur wiederbelebe, weil die Menschen elektronische Post verfassen, statt zu telephonieren. Stoll findet in seiner Mailbox vor allem nichtssagende Botschaften, schlechtes Englisch und undurchdachte Argumente. Warum Schulen diesen Unfug noch unterstützen, versteht er nicht.

Da locke wohl die Verhei&szligung, jeder könne im Internet zum Herausgeber eigener Schriften werden und damit ein Potential von Millionen Lesern erreichen. Tatsächlich aber, sagt Stoll, fehle in dieser "virtuellen Kakophonie" nichts so sehr wie die ordnende Hand eines Redakteurs. Zudem würden gerade Forscher ihre besten Arbeiten für Zeitschriften und Bücher aufsparen und nur den schäbigen Rest ins Netz packen.

Stolls Ansätze zu einer Fundamentalkritik des Netzes versprechen allerdings mehr, als der Autor einlöst. Kurioserweise ist sein Buch wie das Netz selbst: Die intelligenten Argumente sind verborgen in einer Unmenge von unausgegorenen Ideen, Ad-hoc-Gedanken und mehr oder weniger spa&szligigen Exkursen.

Wir hätten es mit einer Welt zu tun, in der es kein "Dort" gebe, schreibt Stoll an einer Stelle - und bricht den Gedanken dann ab. An anderer Stelle steht: Es sei kein Wunder, daß Computerkinder keine brauchbaren Reaktionsmechanismen für Gefahren in der realen Welt entwickelten. Aber warum genau ist das so? Und wie lä&szligt es sich ändern? Darauf müssen wir schon selbst antworten. Oder dies: Wir mü&szligten uns in der Diskussion um die Netze mehr mit der "Freiheit von" befassen als mit der von den Technokraten bevorzugten "Freiheit zu". Recht hat er, doch sein Buch endet leider damit.

Autoren wie der amerikanische Computerspezialist Stephen Talbott sind da mit der Analyse schon weiter. In seinem neuen Buch "The Future Does Not Compute" (O'Reilly, 1995) untersucht Talbott sehr gründlich die Natur der Online-Gemeinschaften. Er geht dabei der Frage nach, wie der Computer unsere Wahrnehmung bestimmt und manchmal verengt.

Stoll erörtert dann lieber noch die Frage, wie man Götterspeise an die Wand nagelt. Überhaupt wird er nicht müde zu versichern, daß es neben dem Netz noch ein richtiges Leben gibt. Ein Fu&szligballspiel in der Nachbarschaft sei viel gesünder als alles auf dem Computerschirm, schreibt er. Wenn seine Sachargumente auch ein wenig überholt sind, diese Warnung kommt immer noch zur rechten Zeit - zumal er sie schon in seinem "Kuckucksei" im Übermaß formulierte.

Ob man aber dafür das ganze Buch lesen muß, das in der Übersetzung übrigens noch einmal an Esprit verliert? Vielleicht sollten wir lieber auf der Terrasse das Grillfeuer entfachen und auf die ersten Sterne am Nachthimmel warten. Das mü&szligte ganz im Sinne Clifford Stolls sein.

Uwe Jean Heuser

Clifford Stoll:

Die Wüste Internet

Geisterfahrten auf der Datenautobahn; aus dem Amerikanischen von Hans Jörg Friedrich; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1996

ISBN 3-10-075105-1

ca. 352 S., 38,- Mark

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