In der Fremde zu Hause

Weißt Du, wieviel Sternlein stehen?" Ein alter Mann erinnert sich an das Kinderlied. An die Plätzchen, die die Mutter als Weihnachtssterne gebacken hat. "Die süßen Plätzchen verbrannten in dem Ofen."

Hans Keilson erinnert sich auch an den Vater, der im Exil als vormals "dekorierter Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs" mit der Hand auf dem Herzen paradierende deutsche Besatzungssoldaten auf einem Amsterdamer Kasernenhof bewunderte. Unter der Hand verdeckt: der Judenstern. Die Eltern Keilsons wurden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Er selbst tauchte 1943 unter. Als "Dr. van der Linden" war er für die Widerstandsorganisation "Vrije groepen Amsterdam" als Kurier unterwegs.

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Nach dem Krieg betreute Keilson in Holland jüdische Waisenkinder.

Seine 1979 im Enke Verlag erschienene Studie über die "sequenzielle Traumatisierung" solcher Kinder - Bedrohung, Verlust der Eltern, Aufnahme in eine Pflegefamilie - gehört zur Standardlektüre auf diesem Gebiet.

Nach mehr als siebzig Jahren kehrte Hans Keilson nach Bad Freienwalde an der Oder zurück, wo er am 12. Dezember 1909 als Sohn eines jüdischen Textilhändlers geboren wurde. Behutsam begleitet von Wilhelm Rösing, der mit dem Film "Bis zur Umkehrbank - Hans Keilson erinnert sich" diese Rückkehr dokumentiert. Eine Stadt, in der die Zeit - so scheint es auf den ersten Blick - kaum Spuren hinterlassen hat. Die alte Schule sieht - "bis auf die neuen Fenster" - noch immer so aus, wie Hans Keilson sie 1928 nach dem Abitur verlassen hat. "Da bleiben eigentlich nur die schönen Erinnerungen." Der Heimkehrer setzt sich ans Klavier, das in der Aula steht, und schlägt beswingte Töne an. Sie verhallen im ansonsten menschenleeren Saal.

Es gibt sie nicht mehr - Dr. Israel, den Schuldirektor; Kunke, den Zigarrenfabrikanten; den jüdischen Arzt, zu dem "arische" Patienten auch noch nach 1933 kamen. "Wenn damals alles nur negativ gewesen wäre, wäre es einfacher gewesen" - für die Bad Freienwalder Juden, die die Stadt verlassen mußten, nach Holland, Frankreich, Palästina, Bolivien, Argentinien emigrierten. Oder in Auschwitz ermordet wurden.

Hans Keilson geht die Straße entlang, die in seiner Jugend Königstraße, zeitweise "Straße der SA" und später Hauptstraße genannt wurde.

Und jetzt sieht man sie doch - die Spuren der Zeit. Aus dem geschändeten jüdischen Friedhof ist zunächst eine Grünanlage und später eine Gedenkstätte geworden.

Und dort, wo einst die Synagoge stand, hat man zur DDR-Zeit Garagen gebaut. Der einheimische Autobesitzer klärt den Fremden stolz über die kollektive Errungenschaft auf, nicht ahnend, zu wem er spricht. Als Keilson sich vorstellt, schaut der Garagenbesitzer betreten zu Boden. Eilig entfernt er sich vom Ort des Geschehens.

Keilsons Blick schweift über die Garagen in eine ferne Vergangenheit.

Das ist eine Schlüsselszene des Films, dessen Vorzug darin besteht, die große Geschichte im kleinen Detail zur Sprache zu bringen.

Zum Beispiel die alte Dame, die sich an Hans Keilson erinnert: "Er sah gar nicht jüdisch aus."

Hans Keilson rezitiert im Film aus eigenen Gedichtbänden und Romanen, von denen einige in der Taschenbuchreihe "verboten und verbrannt/ Exil" des Fischer Verlags später neu aufgelegt wurden. Auch das hat ihm das - innere - Überleben gesichert: seine Fähigkeit, Zorn literarisch zu gestalten und dabei den Haß zu überwinden.

"Wir können nichts wieder gutmachen", sagte die Festrednerin anläßlich der Verleihung der Ehrenbürgerschaft Bad Freienwaldes an den heimgekehrten Juden. Bis zu diesem Zeitpunkt wußte keiner, daß Hitler noch immer als Ehrenbürger der Stadt geführt wurde.

Keilson läßt die Hölle der Gemütlichkeit hinter sich. Er fährt durch die Deichlandschaft an der Oder zurück in die so ähnliche Landschaft Hollands. "Man kann auch in der Fremde zu Hause sein", sinniert er. In der "Fremde", in der Exilheimat angelangt, wirkt er ein Jahrzehnt jünger als bei seinem Gang durch die Gassen der Stadt, in der er seine Kindheit verbrachte. (Am 29. März hatte der Film in Bad Freienwalde Premiere. Er wird demnächst in verschiedenen deutschen Programmkinos zu sehen sein.)

 
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