In der Stadt will niemand etwas von den Patres wissen. Gelangweilt hocken die Männer auf den Bürgersteigen. Der Alte drüben im verschmutzten Burnus dreht sich desinteressiert zur Seite. Die in der grellen Mittagssonne spielenden Kinder kichern ahnungslos: die weißen Mönche von Tibehirine? Nie gehört. Erst ein schlitzohriger Taxifahrer glaubt sich zu erinnern, aber er verlangt für die knapp fünf Kilometer lange Strecke umgerechnet 150 Mark, die Straße sei so schlecht, grinst er zahnlos. Elender Halunke. Ich packe meine Tasche und mache mich auf den Weg.

Mittag in Medea, der Muezzin ruft die Muslime zum Gebet. Es ist Ramadan, strenge islamische Fastenzeit. Seit dem Sonnenaufgang haben diese Männer, die jetzt in der gelb leuchtenden Moschee verschwinden, weder gegessen noch getrunken. Sie werden es noch bis zum Sonnenuntergang aushalten müssen. So geht das schon seit Wochen. Wer kann ihnen verdenken, daß sie für den Fremden vor der geschlossenen Kneipe nur erschöpfte Verachtung übrig haben?

Und doch. Muammar mit seinem klapprigen Renault erbarmt sich meiner.

Am Ortsausgang tritt er augenzwinkernd auf die quietschenden Bremsen. Ein Anhalter aus Westeuropa, das gebe es hier ganz selten, sagt er gestikulierend, die ockerfarbene Gebetsschnur am Handgelenk.

Dann ist die weiße Stadt schon fern, und der Gebirgswind weht erfrischend durchs Wageninnere. Muammar hat zwei Frauen und acht Kinder, das kostet Geld. Vergangenes Jahr hat er sein Glück im Hafenviertel von Marseille versucht. Schlechte Menschen, klagt er nachdenklich. So treibt er wieder seine zwei Kühe auf die kargen Weiden und macht mit dem geborgten Wagen Botenfahrten, alles schwarz.

Sein Lachen ist gratis. Drüben liegt Tibehirine.

An der Klostermauer begegnen sich die Jahrhunderte. Schwere Bagger schaufeln heulend die staubigen rotbraunen Erdmassen. Eine breite Straße soll Medea nach dem Willen der Administration mit den Dörfern am Fuße des Atlas verbinden. Die Schafe, die hier von halbnackten Kindern bergan getrieben werden, blöken mißmutig. Sie vermissen den alten Pfad. Aber die blinkenden Eisenzähne der vollautomatischen Wühlmäuse bohren für den Fortschritt. An der Pforte ein uralter Brunnen. Man wird rasch genügsam und dankt für das kühlende Naß.